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Das Netz der Schattenspiele

Titel: Das Netz der Schattenspiele Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ralf Isau
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wieder einen Bauern für einen taktischen Vorteil.
    Sie straffte die Schultern und ging erhobenen Hauptes auf das Gesicht im Verschlag zu. Mehr aus den Augenwinkeln las sie das Schild, das über dem bleichen Antlitz angebracht war. »Wunderlich« stand da. War das nun ein Name oder eine Warnung?
    »Guten Tag. Frau… Wunderlich, nehme ich an…? Ich hätte gerne eine Auskunft«, brachte sie ihr Anliegen mit mühsam beherrschter Stimme vor.
    Die angesprochene Dame lächelte in höchst sparsamer Weise und erwiderte, ohne auf Stellas anfängliche Frage einzugehen: »Um was für eine Auskunft handelt es sich denn, Fräulein? Sucht Ihr Grundbucheinträge, Claim-Einträge, Steuereinträge, Besitzerwechseleinträge, Gesellschaftseinträge, Einträge über Offenbarungseide, solche, die eine alsbaldige Versteigerung betreffen, oder eher jene, die mit Anwartschaften bei Erbangelegenheiten zu tun haben? Ferner hätten wir noch…«
    »Das weiß ich nicht so genau«, unterbrach Stella die Pförtnerdame, die daraufhin ihr rudimentäres Lächeln ganz einstellte.
    »Was wollt Ihr damit sagen, Ihr wisst es nicht so genau?«
    »Nun…« Stella rang verzweifelt nach Worten. Ihre Idee war wohl doch nicht so gut gewesen. »Ich suche nach einem… einem Namen.«
    »Einem Namen«, wiederholte die Dame im Kasten. Noch einmal versuchte sie sich in einem Lächeln, leider erfolglos. »Na, da hätten wir doch wenigstens schon etwas. Namensauskünfte gibt es in den Verzeichnissen für…«
    Stella ließ widerstandslos die nächste Aufzählung über sich ergehen. Im Stillen fragte sie sich, ob das Schild über dem bleichen Gesicht nicht doch eine Warnung war, in der Art von »Vorsicht! Bissiger Hund!« oder »Achtung! Kamel spuckt!«.
    Als der Katasterdame keine weiteren Namensquellen mehr einfielen, sagte die Auskunftsuchende: »Ich bin mir nicht sicher, wo ich diesen Namen finden kann.«
    Für die Dauer eines langen Atemzuges sah die Dame Wunderlich aus ihrem Verschlag verständnislos auf Stella herab. Erst nachdem sie das Mädchen gebührend lange ihren strafenden Blicken ausgesetzt hatte, sagte sie, als gewähre sie einen beispiellosen Gnadenakt: »Für nicht näher spezifizierte Namensauskünfte haben wir noch das Register der kumulierten Namenseinträge. Dritter Stock, erste Tür rechts.«
    Stella glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Ein Stein fiel ihr vom Herzen und sie rief: »Danke!« Schon war sie in Richtung der großzügig dimensionierten Wendeltreppe entschwunden. Nur noch aus der Ferne hörte sie die strenge Stimme der Pförtnerin: »Aber macht Euch auf eine längere Wartezeit gefasst.«
    Abgesehen von der großen Eingangshalle im Erdgeschoss waren alle Etagen des Turmes ähnlich angelegt: Verließ man die Wendeltreppe, gelangte man auf einen ringförmigen Gang, von dem beiderseits die Stuben der hier tätigen Beamten abgingen.
    Als Stella das dritte Stockwerk erreichte, sah sie sich einer unüberschaubaren Menschenmenge gegenüber. Sie versuchte zunächst in Erfahrung zu bringen, nach welcher Reihenfolge die Wartenden in das entsprechende Auskunftsantragszimmer vorgelassen wurden. Dessen Tür hatte sich eben kurz geöffnet und den Blick auf zwei ernst dreinschauende Beamte mit krausen Bärten freigegeben. Aber irgendein System war nicht auszumachen.
    Zu dieser ernüchternden Einsicht gesellte sich noch der Umstand, dass alle Antragsteller ausnahmslos männlich und ziemlich staubig waren. Stella stach unter ihnen hervor wie ein schneeweißes Einhorn in einem Rudel Wölfe. Einen ähnlichen Eindruck gewannen wohl auch die anderen Wartenden, denn kaum war sie am Treppenabsatz erschienen und unklugerweise durch ein freundliches »Guten Tag« aufgefallen, hatten sich ihr schon alle Gesichter zugewandt. Und so sollte es dann auch bleiben. Die Köpfe schienen wie eingerastet.
    »Wo bitte ist hier das Ende der Schlange?«, fragte Stella.
    Niemand in dem wirren Haufen schien überhaupt zu wissen, was sie damit meinte. Aber dann, es grenzte an ein Wunder, meldete sich doch aus einem fernen Winkel zu Stellas Rechten ein Knurren: »Auf der anderen Seite des Turmes ist’s weniger eng als hier.«
    Diese Auskunft stammte von einem Juwelengräber, der Stella noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Jetzt erntete er dafür einige derbe Kommentare. Die rauen Gesellen hätten viel lieber die verbleibende Wartezeit in größtmöglicher Enge verbracht, solange sie dadurch einem so wohlgewachsenen Mädchen wie Stella nur hinreichend nahe kamen. Die

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