Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Das scharze Decameron

Das scharze Decameron

Titel: Das scharze Decameron Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Leo Frobenius
Vom Netzwerk:
sagte: »Was, das wollt ihr mir alles geben? Bei meinem Kopfe! Ihr zahlt nicht schlecht. Das kann ich ja gar nicht alles tragen.« Der Bursche lief fort.
    Der Bursche lief nach Hause und sagte zu seiner Mutter: »Mutter, du hast recht gehabt, die Geier zahlen nur bei sich zu Hause. Sie haben mir zwei große Topfscherben voll Gold- und Silberstücke hingestellt, die soll ich mitnehmen. Komm nun mit zwei Körben und trage das Gold nach Hause.« Die Mutter nahm zwei Körbe. Sie sagte bei sich: »Wenn es wahr ist, was der törichte Junge sagt, werde ich mit der Habsucht der Leute zu tun haben, denn der Junge wird es überall erzählen. Ich muß der Sache Pfeffer beimischen« (das soll heißen, ihr einen anderen Geschmack geben). Die Frau füllte den einen Korb mit Eiern und den anderen mit Kuchen. Sie sagte: »Ich bin fertig und werde vorangehen.« Die Mutter ging. Sie ließ bald einen Kuchen, bald ein Ei fallen. Der törichte Bursche hob den Kuchen auf. Er hob das Ei auf. Er verzehrte alle Kuchen und Eier, die die Mutter unterwegs fallen ließ. Die Mutter sagte unterwegs: »Es regnet heute.« Es war aber nicht wahr. Die Sonne schien. Der Sohn sagte: »Was sagst du? Es regnet heute?« Die Mutter ließ wieder einen Kuchen und ein Ei fallen und sagte: »Ja, es regnet heute.« Der Bursche aß den Kuchen und das Ei und sagte: »Ja, es regnet heute.«
    Die Mutter kam mit dem Burschen zu dem Nest der Geier. Sie sah das Gold und das Silber in den Nestern. Sie packte die beiden Körbe voll und kam abends wieder nach Hause. Der Bursche ging am anderen Tag auf den Platz, auf dem alle Männer versammelt waren, und sagte: »Meine Mutter und ich sind jetzt reiche Leute. Wir haben Gold und Silber in Töpfen gefunden.« Die Leute hörten hin. Die Leute fragten: »Wann war das?« Der Bursche sagte: »Das war an dem Tage, an dem es Eier und Kuchen regnete.« Die Leute lachten. Die Leute sagten untereinander: »Er ist wirklich ein törichter Schwätzer.« Eines Tages ging der törichte Bursche auf der Landstraße hin. Seiner Gewohnheit nach schwatzte er vor sich hin und er sagte:
    »Wenn Gott mich hundert Goldstücke auf der Landstraße finden läßt, werde ich sie aufnehmen und mitnehmen. Wenn Gott mir nur neunundneunzig Goldstücke hinlegt, lasse ich sie liegen.« Hinter dem Burschen ging ein schlauer Händler, ohne daß der erstere es wußte. Der schlaue Händler sagte bei sich: »Was der törichte Bursche sagt, kann ihm, wenn er es ausführt, vor dem Richter ein Stück Geld kosten, das der einstecken kann, der die neunundneunzig Goldstücke hinlegt.« Der schlaue Händler lief voraus und legte neunundneunzig Goldstücke auf die Straße. Der törichte Bursche kam an die Stelle, fand die Goldstücke, nahm sie auf, zählte sie und sagte: »Ho! Das hätte ich nicht von Gott gedacht. Jetzt ist mir Gott noch ein Goldstück schuldig. Höre Gott! Merke es dir gut und zahle mir das letzte Goldstück bald!« Der törichte Bursche ging weiter.
    Der schlaue Händler kam aus seinem Versteck und sagte: »Du hast meine neunundneunzig Goldstücke weggenommen.« Der Bursche fragte: »Hast du die neunundneunzig Goldstücke etwa da hingelegt oder hat Gott sie dich verlieren lassen?« Der Händler sagte bei sich: »Ich darf vor dem Richter nicht sagen, daß ich die neunundneunzig Goldstücke dort hingelegt habe.« Der schlaue Händler sagte: »Nein, ich habe sie nicht hingelegt. Gott hat sie mich verlieren lassen. Komm vor den Richter!« Der törichte Bursche sagte: »Ich habe keine guten Kleider, um mit dir zum Richter zu kommen!« Der schlaue Händler gab ihm neue Kleider. Der Bursche sagte: »Zu Fuß kann ich nicht gehen.« Der Händler gab ihm einen Maulesel. Der törichte Bursche ritt in den neuen Kleidern auf dem Maulesel mit dem schlauen Händler zum Richter. Der Händler sagte: »Der Bursche hat mir neunundneunzig Goldstücke gestohlen.« Der Bursche sagte: »Ho! Jetzt behauptest du wohl auch noch, daß du mir die Kleider, die ich am Leibe habe, und den Maulesel, auf dem ich reite, hinterher dazugegeben hast?!« Der schlaue Händler sagte: »Gewiß habe ich sie dir hinterher noch gegeben.« Der Richter sagte: »Du bist als schlau bekannt. Was du eben selbst angibst, wäre so töricht, daß ich dir die ganze Sache nicht glaube.« Der törichte Bursche sagte: »Mein Richter, frage ihn, ob ich nicht durch seine Vermittlung von Gott neunundneunzig Goldstücke bekommen habe.« Der Richter fragte: »Ist es so?« Der schlaue Händler sagte: »Das ist ja

Weitere Kostenlose Bücher