Das Spiel der Nachtigall
Spionin war oder wirklich das, was sie zu sein schien, dessen war sich Irene immer noch nicht sicher. Sie hoffte auf Letzteres, doch selbst, wenn die Magistra ihr Vertrauen verdiente, dann änderte es nichts daran, dass sie Diepold von Schweinspeunt zur Hölle wünschte.
»Da habt Ihr völlig recht«, mischte sich Herzog Friedrich in das Gespräch. »Herr Diepold ist seiner Pflichten bei Euch nun ledig. Aber unser hochwürdigster Bischof hier ist ein Mann Gottes, und auf den Straßen, auf denen Ihr bis Frankfurt gut zwei Monate unterwegs sein werdet, lauern manchmal Gefahren. Daher wird es Euch freuen, zu hören, dass auch ich beabsichtige, an Eurem Hochzeitsfest teilzunehmen. Zwar kann ich noch nicht gleich mit Euch aufbrechen, doch ich beabsichtige, Euch und unserem edlen Bischof meine Gepäckwagen und ein paar wackere Streiter mitzugeben, zusätzlich zu seinen eigenen Leuten. Kämpfer, die wie der Bischof und ich bald ins Heilige Land ziehen werden.«
Wieder sprach Irene ihren Dank aus; der Austausch an Liebenswürdigkeiten zwischen dem Bischof, ihr und Friedrich erinnerte sie an das Byzanz ihrer Kindheit, so sehr, dass sie sich fragte, ob sie bei den Speisen vielleicht doch einen Vorkoster hätte beschäftigen sollen.
Die Magistra hätte ihr sagen können, ob das Fleisch, der Most oder das »Bier« merkwürdig schmeckten, doch Jutta saß selbstverständlich nicht neben ihr; die Ehefrauen dreier Ritter, die mit dem Geschlecht des Herzogs blutsverwandt waren, saßen am gleichen Tisch, weil Herzog Friedrich unverheiratet und seine Mutter nicht mehr bei Hofe war, um als ranghöchste Dame die Gastgeberin für Irene zu spielen. Nein, die Magistra saß zusammen mit dem Schreiber des Bischofs, dem Medicus des Herzogs und einigen Leuten, die Irene nicht vorgestellt worden waren, an dem dritten, kleineren Tisch, mit kerzengeradem Rücken und einer Miene, als sei sie Medusa.
Sie war später als erwartet von ihrem Ausflug in die Stadt zurückgekehrt; Irene hatte bereits angefangen, sich Sorgen zu machen, was lächerlich war. Schließlich hatte sie sich vorgenommen, nie wieder ihr Herz an einen Menschen zu hängen, schon gar nicht an eine Frau mit anmaßendem Verhalten und noch nicht erwiesener Treue, ganz gleich, wie kundig und sanft ihre Hände sein mochten. Dennoch, es ließ sich nicht leugnen: Irene hatte sich Sorgen gemacht und darauf bestanden, dass die Magistra sie zu dem Festmahl begleitete.
»Euer Gnaden, ich habe die Tochter meines Vetters besucht. Es gibt traurige Neuigkeiten. Unter diesen Umständen …«
»Nun, es tut mir natürlich leid, dass Ihr weitere Todesfälle in der Familie habt, Magistra, doch mir scheint, wenn Euch der Tod Eures Vaters nicht daran gehindert hat, mich zu behandeln, dann sollte Euch der Tod eines Vetters nicht davon abbringen, für mich bei diesem Gastmahl Augen und Ohren offen zu halten. Ich will wissen, was an diesem Hof geredet wird über mich, über den Kaiser, über den Kreuzzug und über meinen zukünftigen Gemahl. Ihr hattet recht: Man muss wissen, was die Menschen von einem wollen und warum. Das ist für einen selbst gut und für die Familie. Es gibt Dinge, von denen spricht man in Eurer Gegenwart gewiss anders als in der meinen.« Es war eine bessere, adeligere Rechtfertigung für die Gegenwart der Magistra als: Bitte lasst mich nicht allein unter all diesen Fremden.
Ob die Magistra, die bisweilen beunruhigend scharfe Ohren hatte, nun hörte, was Irene nicht aussprach, oder ob sie einfach einem Befehl folgte, sie war hier. Es half, ab und zu in ihre Richtung zu schauen und zu wissen, dass es jemanden gab, der so wenig hier sein wollte wie sie selbst. Gerade jetzt veränderte sich ihre Miene; statt steinern und gleichgültig wirkte sie so, als sei gerade ihr ärgster Feind erschienen. Irene folgte ihrem Blick und bemerkte, dass ein weiterer Troubadour aufgetaucht war.
»Herr Walther von der Vogelweide«, sagte Herzog Friedrich zu Irene, »wird ebenfalls Euch zu Ehren singen.«
Sie erwartete nicht, mehr von den Worten zu verstehen, als sie es bei dem Troubadour Reinmar getan hatte, doch das Verhalten der Magistra erregte ihre Neugier. An Herrn Walther war nichts, das auf Anhieb abstoßend wirkte. Im Gegenteil: Er hatte ein angenehmes Gesicht mit einer langen Nase, seine Lippen waren schmal, was sie zusammen mit seiner großen, hageren Gestalt ein wenig an einen schönen Raubvogel erinnerte; seine Hände, mit denen er Laute spielte, waren langfingrig wie die der Magistra,
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