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Das vergessene Zepter

Das vergessene Zepter

Titel: Das vergessene Zepter Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tobias O. Meißner
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Lebten hier drinnen Riesen, die diesen Dienst versahen? Oder waren es gar keine Riesen, die für das Entzünden von Kerzen und das Bereithalten von Stimmen zuständig waren, sondern Untergrundmenschen, die seit dem Pakt zwischen beiden Völkern die Höhle des Alten Königs betreuten? Warteten sie seit eintausend Jahren auf würdige Bewerber, gaben sie die Riten des Prüfens von Generation zu Generation weiter? Oder stimmte es möglicherweise gar nicht, daß das Mammut in diesem Jahrtausend der erste und einzige Eindringling war? Vielleicht hatte es doch immer wieder Öffnungen des Tores gegeben, vielleicht auch von den Riesen selbst befürwortet und mit dem Schlüssel versehen – aber man hatte nie wieder von den Auserwählten gehört, weil sie hier drinnen gescheitert und gestorben waren.
    Â»Tretet ein.« Die vier Türen senkten sich gleichzeitig knirschend in den Boden. Ein verborgener Mechanismus? Verborgene Bedienstete? Magie?
    Rodraeg seufzte. »Tun wir’s. Wir sehen uns dahinter.«
    Hellas sah aus, als wollte er Sätze äußern wie: »Was ist, wenn ich mich weigere?« oder »Ich werde mich nicht von euch trennen, nur weil die verdammte Höhle mir das so vorschreibt«. Aber er ließ es bleiben, weil ohnehin jedem klar war, wie es in ihm aussah, und er sich die Worte sparen konnte, da es keinen Weg zurück gab.
    Sie traten alle vier durch eine andere Tür, Bestar nahm die linke, Rodraeg die zweite von links, Eljazokad die dritte von links, und Hellas humpelte durch die rechte. Hinter ihnen hoben sich die Türen wieder und schlossen oben ab. Jeder von ihnen war nun alleine in einer winzigen quadratischen Kammer gefangen.
    Â»Die erste Frage lautet: Ist das Meer
    tiefer
    als einen Steinwurf?«
    Â»Auf jeden Fall«, wollte Eljazokad zuerst antworten, weil er sich noch lebhaft an Wandry, die Flutwelle und das Stadtschiff erinnern konnte, aber dann fiel ihm ein, daß ein Stein, den man ins Meer wirft, sinkt und sinkt und sinkt, bis er den Grund erreicht hat. »Nein«, antwortete er deshalb, genau wie Rodraeg, der den Trick in der Frage durchschaute, und Hellas, der diese Art von Rätseln kannte, weil seine Schwester Nauske ihnen früher dergleichen vorgelesen hatte. Bestar war der einzige, der durch pures Glück auf die richtige Antwort kam. »So weit, wie ich einen Stein werfen kann, ist das Meer bestimmt nicht tief. Außerdem: Ein Riesenkönig kann einen ganzen Berg ins Meer werfen, und der guckt dann oben raus. Also: nein!«
    Vor ihnen allen senkte sich die Wand, und sie konnten in eine zweite, dahinterliegende Kammer treten, die der ersten genau glich, weil hinter ihnen die Wand wieder hochfuhr und die Kammer eng machte.
    Â»Die zweite Frage lautet: Vier Brüder
    reisen
    den ganzen Tag miteinander,
    und keiner
    kann den anderen
    einholen.«
    Â»Das sind wir!« fuhr es Rodraeg spontan durch den Kopf. »Wir vier. Vier Türen. Die Höhle baut sich für uns, mit jedem Schritt, den wir tun.«
    Bestar wartete geduldig darauf, daß eine Frage kam, bis er endlich begriff, daß dies bereits die Frage war. »Leicht!« rief er lachend aus. »Das sind die Brüder Denneck, die waren so unglaublich dämlich, daß ganz Taggaran immer über sie gelacht hat. Nein, natürlich nicht. Oh, Entschuldigung – ist es möglich, mehrmals zu antworten? Das war natürlich nicht ernst gemeint.« Die Stimme antwortete nicht, aber der Boden unter seinen Füßen öffnete sich auch nicht zu einer speergespickten Fallgrube, also durfte er wohl noch weiterraten.
    Hellas hatte die Antwort als erster. Diese Art der Fragestellung und die Denkweise, die damit verbunden war, erschienen ihm äußerst vertraut. Auch wollte er so schnell wie möglich aus diesen engen Kammern hinaus. »Was für ein unglaublich kindischer Schwachsinn«, dachte er, während er in die dritte Kammer schritt. »Erst wird man gefoltert, bis einem das Bein zerbricht, dann wird man mit seinen schlimmsten Alpträumen gepeitscht – und jetzt muß man Kinderrätsel lösen. Kein Wunder, daß die Riesen in einem winzigen Gebiet zusammengepfercht wurden und dort jetzt aussterben dürfen.«
    Eljazokad dachte wieder an Schiffe, an vier Boote, die nebeneinanderher fahren, und hatte große Mühe, das Meer aus seinem Kopf zu bekommen. Nein, Boote konnten sich einholen. Auch die vier Hufe eines Pferdes

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