Das Vierte Siegel [Gesamtausgabe]
ihren bleichen und hohlwangigen Neffen an, verzieh ihm umgehend, dass er offensichtlich nie die richtigen Worte fand, und handelte. Dann ging alles sehr schnell.
Rhonan wusste kaum, wie ihm geschah, er wurde gezogen und geschoben und in Windeseile fand er sich an einer überreich gedeckten Tafel wieder. Da er aus Erfahrung wusste, dass er jetzt weder zu schnell noch zu viel essen durfte, wurden ihm von eifrigen Dienern, die annahmen, das jeweilige Gericht fände schlichtweg nicht sein Gefallen, dauernd die Teller weggenommen. Ahnend, dass er sich mit denen nicht wie mit der Bedienung in Wirtshäusern anlegen durfte, aber überfordert mit der Aufgabe, sie auf königliche Weise von sich fernzuhalten, aß er schließlich nur noch Brot, bis Canon ihm grinsend einen Teller mit Fleisch reichte und die emsigen Bediensteten mit einem einfachen Wink aufforderte, sich zu entfernen.
Es wurde ein rauschendes Fest. Gebrautes und Wein flossen in Strömen, und die Stimmung unter den Kriegern stieg mit jedem Becher, den sie leerten.
Die Echsen fanden an dem ihnen bisher ziemlich unbekannten Selbstgebrauten immer mehr Gefallen und torkelten bald nur noch.
Überall wurde gesungen, gelacht und getanzt.
Für den jungen König wurde der erste Abend in seiner Burg zu einem einzigen Alptraum. Pausenlos fiel jemand vor ihm auf die Knie oder küsste seine Hand. Ständig wurde er gebeten, hier oder dort etwas zu sagen oder zumindest zu erscheinen.
Netterweise unterstützten Canon und Derea ihn nach Kräften, aber er schwitzte trotzdem bald Blut und Wasser, weil er es nach wie vor nicht ertragen konnte, von Menschen umringt zu werden. Unwillkürlich suchten seine Augen stets nach Feinden und Fluchtmöglichkeiten, und seine Hand zuckte wie von selbst immer sofort zum Dolch im Gürtel, wenn ihn jemand von hinten ansprach. Er konnte die Gewohnheiten langer Jahre nicht so schnell ablegen, wie es wohl von ihm erwartet wurde.
Immer mehr vermischten sich in seinem Kopf auch Gegenwart und Vergangenheit. Er sprach im Burghof mit Flammenreitern und sah plötzlich, wie Hordenkrieger an gleicher Stelle einen Schmied erschlugen. Er lachte mit Derea über einen Kalla, der trunken vom Gebrauten beim wilden Tanz über seine eigenen Füße stolperte und fast ins Lagerfeuer fiel, und sah die Flammen des Scheiterhaufens in den Himmel lodern. Der Duft der gebratenen Rinder vermischte sich mit dem Gestank nach verbranntem Menschenfleisch, die Freudenfeuer wirkten immer bedrohlicher, und die heiteren Flammenreiter verschmolzen vor seinen Augen mit mordenden Hordenkriegern. Irgendwann hörte er nur noch hämisches Gelächter, grauenhafte Schreie und das wilde, fordernde Prasseln des Scheiterhaufens.
Als er nur noch schreien wollte, weil er es nicht mehr ertrug, ergriff jemand seinen Arm, und er benötigte einige Zeit, um zu erkennen, dass es Caitlin war, die lachend an ihm herumzupfte.
»Komm, Liebster, ich habe dir ein Bad vorbereiten lassen. Danach geht es ins Bett. Wir müssen nicht bis zum Ende bleiben. Ich habe Morwena gebeten, uns zu entschuldigen.«
Er verstand kaum die Worte, war nur dankbar für ihre Nähe, riss sie an sich und küsste sie voller Leidenschaft. Caitlin erwiderte zwar den Kuss, war aber ziemlich erstaunt, dass ausgerechnet ihr Mann sich in aller Öffentlichkeit so ungestüm zeigte.
Morwena schloss auch prompt die Augen und seufzte gequält auf, aber die trunkenen Untertanen bejubelten laut und anzüglich ihr neues Herrscherpaar.
Die Prinzessin löste sich endlich mit leicht geröteten Wangen und zog ihren Mann hinter sich her. Die gutgemeinten, hier und da auch etwas derben Wünsche, die ihnen folgten, vertieften ihre Röte noch um einiges.
»Du bist mir ja einer«, erklärte sie vorwurfsvoll, aber auch mit einem Kichern, kaum dass sie die Burg betreten hatten. »Deine Untertanen werden dich für ausgesprochen wollüstig halten.«
»Entschuldige!«, bat er sichtlich betreten. »Ich hab dich nur so gebraucht. Mir war so … so … ach, ich weiß auch nicht.«
Liebevoll strich sie ihm durchs Gesicht. »Ruhig, Liebster! Die vielen Menschen sind draußen, und wir sind drinnen. Du kannst dich entspannen.«
Er lächelte sie immer noch benommen an, nickte aber und folgte ihr.
Auf dem Weg durch die Hallen wurde er merklich langsamer.
»Wohin gehen wir?«, fragte er unbehaglich.
Sie lachte auf. »Du klingst, als ob du mit einem Schlachtfeld rechnen würdest.«
Sie schmiegte sich an seinen Arm, streichelte seine Hüfte und hauchte:
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