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Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
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Idealist und somit dazu auserkoren, enttäuscht, wenn nicht gar verletzt zu werden. Sie laufen einem Evangelium der Nächstenliebe und göttlichen Wundertaten hinterher, in dem für die Sorgen des Daseins kein Raum ist. Sie sind genauso wie William Paley, der behauptet hat, die Perfektion der Organismen unseres Universums sei ein Beweis für Gottes Liebe. Erinnern Sie sich noch an Paleys These, der zufolge der Mechanismus des menschlichen Handgelenks – welches sich in hervorragender Weise für die Beschaffung von Nahrung wie auch die Herstellung schönster Kunstgegenstände eignet – ein Zeichen der Zuneigung Gottes ist? Bedauerlicherweise eignet sich das menschliche Handgelenk in gleicher Weise dafür, mordlustig das Beil zu schwingen und auf den Nachbarn einzuschlagen. Welcher Liebesbeweis mag nun darin liegen? Darüber hinaus geben Sie, Ambrose, mir das Gefühl, dass ich eine grässliche kleine Spielverderberin bin, weil ich hier sitze, langweilige Vorträge halte und Ihrem strahlenden Vorbild nicht folgen kann!«
    Stumm saßen sie voreinander. Schließlich fragte Ambrose: »Streiten wir uns gerade, Alma?«
    Alma dachte sorgfältig nach. »Möglicherweise.«
    »Wie kann es sein, dass wir aneinandergeraten?«
    »Verzeihen Sie mir, Ambrose, ich bin erschöpft.«
    »Sie sind erschöpft, weil Sie nächtelang in dieser Bibliothek gesessen und Männer, die seit Jahrhunderten tot sind, mit Fragen überschüttet haben.«
    »Mein Leben lang habe ich mit solchen Männern Zwiesprache gehalten, Ambrose. Und ich kann Ihnen versichern, dass einige sogar noch älter waren.«
    »Und weil die Antworten dieser Männer nicht nach Ihrem Geschmack sind, greifen Sie nun mich an. Wie soll ich Ihnen zufriedenstellende Antworten geben, Alma, wenn schon Männer, die mir an Geisteskraft weit überlegen sind, Sie enttäuscht haben?«
    Alma stützte den Kopf in die Hände. Sie fühlte sich angespannt und ausgelaugt.
    Ambrose sprach weiter, doch seine Stimme war wieder weicher geworden. »Denken Sie doch nur, wie viel wir lernen könnten, wenn wir uns von der Idee des Fechtens mit Worten, des Diskutierens befreien würden.«
    Alma blickte auf und sah ihm fest in die Augen. »Ich kann mich nicht von der Idee des Diskutierens befreien, Ambrose. Vergessen Sie nicht, dass ich die Tochter eines Henry Whittaker bin. Ich wurde in eine Welt der Argumente hineingeboren. Diskussionen haben mich geformt und mich, seit ich denken kann, überallhin begleitet. Überdies glaube ich an ihren Nutzen, und ich liebe es, Argumente auszutauschen. Diskussionen sind der verlässlichste Weg zur Wahrheit, denn sie sind die einzige ausgewiesene Waffe gegen abergläubisches Denken und substanzloses Geschwätz.«
    »Wenn man aber am Ende in Worten ertrinkt und nicht mehr hört …«
    »Nicht mehr hört? Was nicht mehr hört?«
    »Einander vielleicht? Nicht die Worte, sondern die Gedanken des anderen, seinen Geist. Wenn Sie mich fragen, woran ich glaube, Alma, so möchte ich Ihnen Folgendes sagen: Die ganze Sphäre der Luft, die uns umgibt, wimmelt von unsichtbaren Anziehungskräften elektrischer, magnetischer, feuriger oder gedanklicher Art. Es gibt einen universellen Einklang um uns herum. Es gibt einen verborgenen Weg zur Erkenntnis. Dessen bin ich gewiss, habe ich es doch am eigenen Leib erlebt. Als ich mich in jungen Jahren ins Feuer begab, sah ich, dass die Wissensspeicher des menschlichen Geistes ihre Tore nur selten ganz öffnen. Öffneten sie sich ganz, so gäbe es nichts mehr, was sich uns nicht offenbaren würde. Wenn wir imstande wären, in und um uns herum alle Diskussionen und Wortgefechte einzustellen, könnten sich unsere wahren Fragen Gehör verschaffen und die richtigen Antworten finden. Darin liegt die Kraft. Das ist das Buch der Natur, das weder in griechischer noch in lateinischer Sprache geschrieben ist. Das ist der Gipfel des Zaubers, ein Gipfel, von dem ich mir immer vorgestellt und erhofft habe, man könnte ihn teilen.«
    »Sie sprechen in Rätseln«, erwiderte Alma.
    »Und Sie sprechen zu viel«, entgegnete Ambrose.
    Hierauf wusste Alma nichts zu erwidern. Jedenfalls nicht, ohne abermals zu sprechen. Sie war verwirrt und fühlte sich angegriffen. Tränen brannten in ihren Augen.
    »Bringen Sie mich irgendwohin, wo wir gemeinsam schweigen können, Alma«, sagte Ambrose und neigte sich zu ihr. »Mein Vertrauen kennt keine Grenzen, und ich glaube, dass auch Sie mir vertrauen. Ich möchte mich nicht mehr mit Ihnen streiten. Ich möchte mit Ihnen

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