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Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition)

Titel: Das Wesen der Dinge und der Liebe: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Elizabeth Gilbert
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Almas Mutter Retta verabscheuen würde, verkörperte diese Person doch das Schlimmste, was Beatrix im Hinblick auf junge Mädchen zu befürchten imstande war. Retta war genau das, wozu sie ihre beiden Töchter nicht erzogen hatte: ein gepudertes, hohlköpfiges, eitles kleines Sahnetörtchen, das seine teuren Tanzschuhe im Schlamm ruinierte, wie ein Blitz aus heiterem Himmel in Tränen oder Gelächter ausbrach, in der Öffentlichkeit unfein mit dem Finger auf Dinge zeigte und nicht einmal hinreichend Verstand besaß, um im Regen eine Kopfbedeckung zu tragen. Wie sollte Beatrix solch eine Kreatur willkommen heißen?
    In Erwartung dieses Problems hatte Alma zu Beginn ihrer Freundschaft versucht, Retta vor Beatrix zu verstecken, denn sie rechnete für den Fall einer Begegnung tatsächlich mit dem Schlimmsten. Doch Retta Snow ließ sich nicht leicht verstecken, und Beatrix ließ sich nicht leicht hinters Licht führen. Es verging keine Woche, da fragte Beatrix eines Morgens beim Frühstück: »Wer ist eigentlich dieses Kind mit dem Sonnenschirm, das seit kurzem auf meinem Grundstück herumgeistert, Alma? Und warum sehe ich dich immer mit ihr zusammen?«
    Widerstrebend sah sich Alma gezwungen, Retta ihrer Mutter vorzustellen.
    »Wie geht es Ihnen, Mrs Whittaker«, waren Rettas einigermaßen manierliche Begrüßungsworte, und sie hatte sogar an den Knicks gedacht, auch wenn er ihr vielleicht eine Spur zu theatralisch geriet.
    »Wie geht es dir, Kind?«, hatte Beatrix geantwortet.
    Eine ehrliche Antwort auf ihre Frage erwartete sie nicht, doch Retta nahm die Angelegenheit durchaus ernst und erwiderte nach kurzem Nachdenken: »Nun, ich muss Ihnen sagen, Mrs Whittaker, dass es mir gar nicht gut geht. In unserem Hause hat sich heute Morgen eine entsetzliche Tragödie zugetragen.«
    Alma horchte beunruhigt auf. Wie gern wäre sie dazwischengefahren! Sie konnte sich nicht vorstellen, wohin Retta diesen Gesprächsfaden zu führen gedachte. Den ganzen Tag hatte Retta frohen Mutes in White Acre zugebracht, und von einer entsetzlichen Tragödie im Hause Snow hörte Alma zum ersten Mal. Sie betete, Retta möge ihre Zunge im Zaum halten, doch diese fuhr unbeirrt fort, als hätte Beatrix sie in aller Deutlichkeit um eine ausführliche Schilderung gebeten.
    »Just an diesem Morgen, Mrs Whittaker, habe ich eine wahrlich erschütternde Nervenattacke erlitten. Eine unserer Bediensteten – genauer gesagt mein kleines englisches Hausmädchen – fand sich beim Frühstück in Tränen aufgelöst, und so folgte ich ihr nach dem Essen in ihr Zimmer, um herauszufinden, was die Quelle ihres Kummers war. Sie werden niemals erraten, was ich erfuhr! Offenbar war auf den Tag genau, ja wirklich auf den Tag genau vor drei Jahren ihre Großmutter gestorben! Als ich von dieser Tragödie hörte, zerfloss auch ich in Tränen, wie Sie sich gewiss vorstellen können! Ich muss eine Stunde am Bett des armen Mädchens geweint haben. Gott sei Dank war sie da, um mich zu trösten. Ist Ihnen nicht auch nach Weinen zumute, Mrs Whittaker? Beim Gedanken an diesen Verlust einer Großmutter, vor genau drei Jahren?«
    Die Erinnerung an den Vorfall trieb abermals dicke Tränen in Rettas Augen, die bald überflossen.
    »Welch ein unglaublicher, bodenloser Unsinn«, stellte Beatrix fest und betonte jedes Wort mit solcher Strenge, dass Alma mehrfach zusammenzuckte. »Kannst du dir auch nur in Ansätzen vorstellen, wie vieler Menschen Großmütter ich in meinem Alter bereits habe sterben sehen? Und wenn ich nun um jede geweint hätte? Der Tod einer Großmutter ist keine Tragödie, Kind – und wenn vor drei Jahren eine dir unbekannte Großmutter gestorben ist, so sollte dies fürwahr keine Tränenflut auslösen. Großmütter sterben nun einmal, Kind. Dies ist der rechte Gang der Dinge. Man könnte beinahe behaupten, es sei Aufgabe einer Großmutter, der jüngeren Generation einige Lehren in puncto Schicklichkeit und Menschenverstand zu erteilen und alsdann zu sterben. Ferner hege ich den Verdacht, dass du kaum imstande warst, deinem Hausmädchen Trost zu spenden und dass du ihr mehr gedient hättest, wenn du ihr ein Vorbild an stoischem Gleichmut und Zurückhaltung gewesen wärest, anstatt in Tränen aufgelöst auf ihr Bett zu sinken.«
    Retta nahm den Tadel mit freundlicher, offener Miene entgegen, während Alma in sich zusammensackte. Nun, damit wäre das Kapitel Retta Snow wohl beendet, dachte sie. Doch plötzlich geschah etwas Unverhofftes: Retta begann zu lachen. »Welch

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