Das zweite Königreich
das sich nach einiger Zeit auf der anderen Seite erhob, vernahmen sie trotzdem. Nach einer Weile wurde es still. Sie vermuteten, daß Gorm sich zum Abort verkrochen hatte, um sich seinen diversen Leiden zu ergeben. Und tatsächlich war es ein anderer von Herewards Männern, der kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Tür aufsperrte und den Novizen hereinließ, der ihnen das Nachtmahl brachte. Cædmon erkannte den kleinen Mann mit dem schütteren, wirren Haar sofort wieder. Er war der Priester, der das glühende Kruzifix gesegnet hatte. Cædmon schauderte unwillkürlich, als er sich daran erinnerte, und der Schmerz, der fast völlig verebbt war, flammte kurioserweise wieder auf.
Guthric erkannte ihn ebenfalls. »Wynfrith! Welch eine Erleichterung, einen wahren Christenmenschen zu sehen. Wo ist Gorm?«
»Krank«, antwortete der streitbare Priester.
»Oh, das tut mir leid.« Guthrics Unschuldsmiene hätte selbst den Papst getäuscht. »Aber wo du schon einmal hier bist, würdest du mir die Beichte abnehmen?«
Wynfrith blinzelte verblüfft. »Was?«
»Die Beichte«, wiederholte Guthric. »Du bist doch Priester, oder?« »Ähm, schon.«
»Ich bin seit Wochen hier eingesperrt und habe weder die Kommunion empfangen noch gebeichtet. Es ist mir ein Bedürfnis, du würdest mir einen wirklich großen Gefallen tun.«
»Ja, aber …«
»Wenn du die lateinischen Formeln nicht kannst, helfen wir dir«, bemerkte Bruder Oswald mit sorgsam verborgenem Spott.
Wynfrith trat zögernd über die Schwelle. »Na ja, ich schätze, es ist wohl meine Pflicht, obwohl ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr …« Ehe er den Satz beenden konnte, war Cædmon hinter ihn geglitten, hob einen der dicken Folianten, die auf dem Tisch lagen, mit beiden Händen und ließ ihn auf Wynfriths Schädel niedersausen. Der Priesterbrach lautlos zusammen. Gleichzeitig hatte Guthric den verdatterten Novizen am Arm gepackt und stieß ihn gegen die rückwärtige Wand. »Besser, du rührst dich nicht«, riet er.
Cædmon tippte Wynfrith mit der Fußspitze an. Nichts. »Der schläft ein Weilchen.«
Bruder Oswald bedachte Cædmon mit einem Kopfschütteln. »Der arme Boethius. Es ist sein Werk, das du mißbraucht hast. Der Trost der Philosophie. Du solltest dich schämen, weißt du.«
Cædmon zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. »Wenn die Schlagkraft seiner geballten Weisheit uns hier herausbringt, dann liegt wahrlich Trost in seiner Philosophie. Und jetzt kommt.«
Er zückte Morcars Dolch, schlich zur Tür und spähte hinaus. »Die Luft ist rein«, raunte er über die Schulter.
Die beiden Mönche folgten ihm, und Guthric warf dem verstörten Novizen, der immer noch das Tablett in den Händen hielt, einen reumütigen Blick zu. »Tut mir leid, Eandred, aber du wirst hier mit Wynfrith bis morgen früh ausharren müssen. Verhungern werdet ihr sicher nicht. Nutze die Zeit, um darüber nachzusinnen, wem du in Wahrheit Loyalität schuldest, Hereward oder Gott und deinem Orden.«
»Ja, Bruder Guthric«, murmelte der Junge kleinlaut.
»Und sprich deine Gebete.«
»Ja, Bruder Guthric.«
»Guter Junge.« Guthric trat als letzter über die Schwelle, schloß die Tür und drehte so geräuschlos wie möglich den Schlüssel um.
Cædmon schob Morcars Dolch behutsam in seinen linken Ärmel, glitt aus dem Vorratshaus und sah sich wachsam um. Der Hof lag schon fast im Dunkeln. Er wartete, bis seine Augen sich darauf eingestellt hatten. Als er sich vergewissert hatte, daß niemand in den Schatten lauerte, winkte er den anderen, ihm zu folgen.
»Der Zeitpunkt ist günstig«, flüsterte Oswald. »Sie sind alle beim Essen. Das versäumt keiner von ihnen gern.«
»Hoffentlich vermissen sie Eandred nicht«, murmelte Guthric nervös. »Schsch«, mahnte Cædmon. »Seid still und horcht auf Schritte. Kein unnötiges Wort.«
Er verschmolz mit dem tiefen Schatten der Klostermauer, und die beiden Mönche stellten verwundert fest, daß er sich vollkommen lautlos bewegte. Sie folgten ihm auf möglichst leisen Sohlen, spitzten die Ohren und warfen nervöse Blicke über die Schulter zurück.
Aber sie kamen unbehelligt in den Kräutergarten. Cædmon hatte beschlossen, die Pforte zu meiden. Sie war todsicher bewacht, und niemand konnte wissen, wie viele Männer sich dort herumtrieben. Sie hatten bessere Chancen, wenn sie über die Mauer gingen. Die berankte Laube, neben der er am Tag zuvor mit Earl Morcar gesessen hatte, würde ihnen das Klettern erleichtern. Falls sie nicht
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