Das zweite Königreich
zusammenbrach.
Sie stiegen über die niedrige Obsthecke und huschten durch den Garten zur Mauer.
Cædmon sah daran hoch. Dann nickte er seinem Bruder zu. »Du zuerst. Dann Oswald. Ich komme zum Schluß.«
Guthric stellte eine Sandale auf eine der bedenklich schwachen Holzlatten der Laube und griff mit beiden Händen in die dichten Ranken. Gerade als er sich hochziehen wollte, fiel ein großer Schatten auf seinen. Wie aus dem Nichts war eine dunkle Gestalt aus der Laube geglitten, packte Guthrics Habit, zog ihn zurück, und Stahl blinkte matt im letzten Licht.
Guthric stieß einen halb erstickten Laut der Überraschung aus und verstummte, als er eine Klinge an der Kehle spürte.
»Hab ich’s doch geahnt«, wisperte eine heisere Stimme.
Cædmon hatte ihn schon erkannt, ehe er sprach. »Dunstan …«
»Für wie dumm hältst du mich, Cædmon? Dachtest du wirklich, ich würde nicht erkennen, was mit dem armen Gorm los ist? Hast du geglaubt, du kannst mir weismachen, daß du hier einfach geduldig ausharrst, bis wir dich laufen lassen?«
»Und was willst du jetzt tun, Dunstan?« fragte Guthric ruhig. »Zwei deiner Brüder und einen Mönch töten?«
Dunstan lachte sein schauderhaftes, heiseres Lachen. »Das wird wohl nicht nötig sein. Ich bin überzeugt, Cædmon und der ehrwürdige Bruder Prior werden ganz freiwillig dahin zurückgehen, woher sie gekommen sind, wenn ich drohe, nur dich zu töten. Weil sie wissen, daß es mir ernst mit der Drohung ist. Nicht wahr, Cædmon, das weißt du doch?«
»Natürlich weiß ich das, Dunstan. Wer könnte besser wissen als ich, daß es keine Abscheulichkeit gibt, zu der du nicht herabsinken würdest? Daß du bei Hastings nicht nur deinen König und deine Stimme, sondern auch jeden Funken Anstand verloren hast, den du je besessen haben magst.«
Dunstan schnaubte belustigt. »Und davon erhoffst du dir, daß ich Guthric loslasse, mich auf dich stürze und du mich mit dem Messer abstechen kannst, das du im Ärmel versteckt hältst, ja? Du bist so leicht zu durchschauen wie eh und je. Aber du kannst mich nicht mehr beleidigen als ein räudiger Köter den Mond, den er anbellt. Du bist derjenige, der tief gesunken ist. So tief, daß ich kaum hören kann, was du sagst.«
»Du warst immer schon unübertroffen darin, nicht zu hören, was du nicht hören willst«, murmelte Guthric.
»Du sei lieber still. Deine frömmelnde Normannentreue ist mir genauso zuwider. Ich könnte dich ebenso leicht abstechen wie ich einen Käfer zertrete«, drohte Dunstan und stieß ihm das Knie in die Nieren. Guthric stöhnte, taumelte und sackte zusammen, nahm in Kauf, daß Dunstans Dolch ihm die Haut am Hals einritzte, gefährlich nah an der Schlagader.
Cædmon erkannte sofort, was Guthric tat. Dunstans Kopf und Oberkörper waren plötzlich für einen Angriff offen, nicht länger durch Guthrics Körper gedeckt. Cædmon traf keine bewußte Entscheidung, dachte keinen klaren Gedanken, aber er zog nicht den Dolch aus dem linken Ärmel, sondern ließ den großen Stein, den er im rechten verborgen hatte, in die Hand gleiten, nahm Maß und warf. Seine Treffsicherheit ließ ihn auch dieses Mal nicht im Stich. Der runde Stein schnellte aus seiner Hand wie aus einer Schleuder, zog einen exakten, kleinen Bogen und traf Dunstan an der Schläfe, ehe er den Kopf wegreißen konnte. Dunstan erstarrte, ganz allmählich verdrehten sich seine Augen, bis nur noch das Weiße sichtbar war, dann klappten sie zu, und er ging ebenso lautlos zu Boden wie Wynfrith vor ihm.
Cædmon würdigte ihn keines weiteren Blickes. Er trat zu Guthric, der taumelnd zur Seite gewichen war, als Dunstan stürzte. »Laß sehen. Ist es schlimm?«
Guthric hatte die Fingerspitzen auf die Wunde am Hals gepreßt. »Glaub’ nicht.«
»Kannst du klettern?«
»Natürlich.«
Guthric war immer schon ein geschickter Kletterer gewesen. Mühelos erklomm er die Mauer. Dann half er Bruder Oswald und Cædmon hinauf.
Als sie sicher auf der anderen Seite standen, atmete Cædmon erleichtert auf. »Jetzt müssen wir nur noch durch diese verfluchten Sümpfe.«
Bruder Oswald und Guthric tauschten ein Grinsen und sagten wie aus einem Munde: »Nichts leichter als das.«
Dover, Juli 1070
Nach ihrer geglückten Flucht war Cædmon mit Bruder Oswald und Guthric nach Helmsby gegangen, um seiner Mutter zu eröffnen, daß ihr ältester Sohn keineswegs bei Hastings gefallen war. Sie zeigte ihre Glückseligkeit über diese Nachricht sehr viel offener als ihren Schmerz
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