Das zweite Königreich
Oswald und nickte. »Er ist gefährlich. Das, für was er steht, ist gefährlich. Und er ist vor allem so lange gefährlich, wie er sich in Ely verschanzt hält und ungehindert Männer um sich scharen kann. Es werden jeden Tag mehr.«
»Dann müssen wir ihn eben aus Ely herausholen. Wir werden es belagern, und wenn es Jahre dauert. Zumindest können wir verhindern, daß weitere Kräfte dort zusammengezogen werden.«
Bruder Oswald räusperte sich nervös. »Sire, man kann Ely nicht belagern.«
William runzelte unwillig die Stirn, sagte aber höflich: »Sprecht nur weiter, Bruder Prior. Ihr und Bruder Guthric kennt die Insel und das Umland besser als jeder andere hier.«
Oswald sprach von der Tücke der Sümpfe, von den Wasserläufen, die ständig ihren Verlauf änderten und die Sümpfe deswegen so unberechenbar machten, daß selbst Torfstecher und Fischer, die ihr ganzes Leben dort verbracht hatten, darin ertranken. Und er erzählte von der Vielzahl an Fischen und Vögeln, die Moor und Flüsse mit sich brachten, von der fruchtbaren Erde und den üppigen Ernten auf der Klosterinsel.
»Man kann es nicht belagern und einnehmen, und man kann es erst recht nicht aushungern«, schloß er.
Aber mochte Cædmon auch vor kurzem noch der gleichen Meinung gewesen sein, war er inzwischen anderer Ansicht. »Doch, das kann man durchaus.«
William sah ihn fragend an und machte eine ungeduldige, auffordernde Geste.
»Wenn ein Mann die Sümpfe durchqueren kann, dann auch eine Armee. Sie muß nur vorsichtig sein«, sagte Cædmon.
»Aber …«, begann Guthric.
Cædmon unterbrach ihn. »Habt ihr nicht mühelos einen Weg durchs Moor gefunden? Auf unserer Flucht sind wir keinmal tiefer als bis zu den Knien eingesunken, weil ihr ortskundig wart.«
»Schon«, räumte Guthric ein. »Aber für eine größere Zahl Männer wäre es viel schwieriger.«
»Man müßte einen Damm bauen«, sagte der König versonnen.
Die beiden Mönche sahen ihn verdutzt an. Auf diese Idee war noch niemand gekommen.
»Wie auch immer«, fuhr Cædmon fort. »Es ist möglich. Und es mag schwierig sein, sie auszuhungern, aber wenn wir sie vom Nachschub abschneiden, werden sie trotzdem Probleme bekommen. Sie sind zu viele. Die Insel allein kann sie nicht alle über den Winter bringen. Sie werden erfrieren, wenn sie keine Holzkohle mehr vom Festland bekommen.«
Odo bedachte ihn mit einem anerkennenden Grinsen. »Ich wußte, es war eine gute Idee, Euch dorthin zu schicken, Cædmon.«
Sieh an, dachte Cædmon gallig. Dir verdanke ich also mein Brandmal …
Der König schien unentschlossen. »Was Ihr sagt, klingt vernünftig, Cædmon, aber ich habe jetzt einfach keine Zeit, mich um Ely zu kümmern.«
»Sire, wir sollten handeln, ehe Morcar und Edwin sich Hereward wieder anschließen«, wandte Cædmon eindringlich ein.
Der König hob das Kinn und betrachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Weil Ihr in Wahrheit nicht wollt, daß sie mir zusammen mit Hereward ins Netz gehen, nicht wahr.«
Solcherlei Unterstellungen beleidigten Cædmon schon lange nicht mehr. Er hatte längst durchschaut, daß William sie immer dann äußerte, wenn Cædmon eine Meinung vertrat, die ihm nicht genehm war. »Weil es die Lage unnötig verschärfen würde. Ich verstehe, daß die Situation im Maine drängt, aber …«
»Das ist es ja nicht allein«, fiel Odo ihm ins Wort. »Ihr wißt es noch nicht, Cædmon. Balduin ist gestorben.«
Cædmon riß die Augen auf. »Der Herzog von Flandern?«
Odo nickte bedrückt.
Cædmon war sprachlos. Während der Wochen, die er in Flandern verbracht hatte, hatte er den Herzog nicht häufig gesehen und auch nicht näher kennengelernt, aber er erinnerte sich an einen agilen, kraftstrotzenden Mann, der auch im Winter unermüdlich auf die Jagd ritt.
»Aber er war noch so jung«, protestierte er.
Odo hob vielsagend die Schultern. »Gibt einem zu denken, nicht wahr.«
Cædmon verneigte sich vor William. »Seid so gut, Sire, und übermittelt der Königin meine aufrichtige Anteilnahme. Einen Bruder zu verlieren ist ein großer Kummer.«
William bedachte ihn mit einem Kopfschütteln und lächelte wider Willen. »Das sieht Euch ähnlich. Der König von Frankreich macht Front gegen mich und schürt die Rebellion an meiner Südgrenze, ich verliere meinen mächtigsten Verbündeten, und alles, woran Ihr denken könnt, ist der Verlust der Königin. Kein Wunder, daß die jungen Damen an meinem Hof alle von Euch schwärmen.«
Cædmon lief feuerrot an.
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