Das zweite Königreich
bei Dunstans Todesnachricht. Doch Marie de Falaise war eine kluge Frau, und ihre Freude hinderte sie nicht, argwöhnisch zu fragen, warum in aller Welt Dunstan denn nicht heimgekommen sei, wenn er lebte. Außerdem sah sie Cædmon auf den ersten Blick an, daß er krank oder verwundet war, und sie ließ ihm keine Ruhe, bis er ihr schließlich von dem vermeintlichen Gottesurteil erzählte und ihr die schlecht verheilte Brandwunde zeigte. Marie legte einen kühlen, lindernden Umschlag darauf, verlor kein weiteres Wort über das ganze Thema und trauerte ein zweites Mal um Dunstan.
Nach wenigen Tagen brach Cædmon mit seinen beiden Gefährten Richtung Küste auf, um Odo in Dover aufzusuchen, denn er war sicher, der König sei längst in der Normandie.
Tatsächlich aber war William mit seinen engsten Beratern selbst zu Gast bei seinem Bruder, und Cædmon, Guthric und Oswald blieb kaum Zeit, die große, kostbar ausgestattete Halle von Dover zu erkunden und zu bewundern, ehe er nach ihnen schickte.
William erwartete sie in einem geräumigen Gemach über der großen Halle. Wertvolle Teppiche hingen an den Wänden; die warme Julisonne fiel durch die kleinen Fenster und ließ die Goldfäden in den Stickereien glitzern, daß es einen blendete. Cædmon hatte noch nie so reichbestickte Wandbehänge gesehen und dachte, daß Odo noch mehr Freude an Prunk und Pomp hatte als William. Diese Neigung ebenso wie Odos berüchtigte Frauengeschichten führten dazu, daß viele Leute in England nicht einmal ahnten, daß der Earl of Kent ein Bischof war.William war, wie Wulfnoth einmal gesagt hatte, der weitaus maßvollere und tugendsamere der beiden Brüder.
Der König saß an einem schwarz gebeizten langen Eichentisch, dessen gedrechselte Beine reich mit Elfenbeinintarsien verziert waren. Dieses Kunstwerk stammte aus Byzanz und war über Sizilien nach England gekommen.
William saß am Kopf der Tafel, sein Bruder Robert an seiner rechten, fitz Osbern an seiner linken Seite. Lanfranc und Odo standen zusammen am offenen Fenster, jeder einen juwelenbesetzten Becher in der Hand. Auf dem Tisch standen Platten mit Fleisch und Brot, aber der König aß und trank wie so oft nichts.
Seine Miene war unbewegt, während er Cædmons Bericht lauschte, der sich auf die wichtigsten Tatsachen beschränkte.
»Also dort hat Morcar sich verkrochen«, murmelte William verdrießlich.
Cædmon nickte. »Aber er ist nicht mehr da.«
»Was ist mit seinem Bruder, Earl Edwin? Hat der sich etwa auch diesem unsäglichen Hereward angeschlossen?«
»Nein, Sire. Jedenfalls noch nicht. Morcar hat Ely verlassen, um sich auf die Suche nach Edwin zu begeben.«
»Um Edwin zu Hereward zu bringen, meinen Sturz zu planen und Edwin auf den Thron zu setzen, ja?«
Cædmon nickte.
Der König verlor die Beherrschung. »Das ist also der Dank! Das habe ich jetzt davon, daß ich Edwin und Morcar geschont und mit allen Ehren an meinem Hof aufgenommen, sie sogar an den Beratungen meines Hofs habe teilnehmen lassen! Und wer war es doch gleich wieder, der in Berkhamstead an mein Gewissen appelliert und mir vorgeworfen hat, ich sinke auf Harold Godwinsons Niveau herab, wenn ich meine besiegten Feinde töte?«
Bruder Oswald und Guthric waren leicht zusammengefahren und tauschten einen alarmierten Blick. Aber das zornige Gebrüll des Königs beeindruckte Cædmon nicht mehr als ein Mückenstich. Er war es gewöhnt, und er wußte, daß William nicht gefährlich war, solange er brüllte.
»Das war ich, Sire.«
»Ganz recht!«
»Und ich würde heute dasselbe sagen. Morcar und Edwin sind guteMänner, Ihr selbst habt es ungezählte Male gesagt. Morcar ist zerrissen, er hat den Eid nicht vergessen, den er Euch geleistet hat. Aber er fürchtete in Rouen um sein Leben, darum ist er geflohen.«
William sprang auf, machte einen wütenden Schritt auf ihn zu und holte tief Luft, aber Lanfranc kam ihm zuvor.
»Mir scheint, Morcar und Edwin sind im Augenblick zweitrangig. Morcar hat weder Mittel noch Männer, und mag Edwin in Mercia auch immer noch verehrt werden, hätten wir es doch längst gemerkt, wenn sich dort Widerstand zusammenbraute. Die Frage ist, wie gefährlich ist dieser Hereward, und was hat er vor?« Seine samtweiche, leise Stimme schien eine eigentümlich beruhigende Wirkung auf den König auszuüben – William brach nicht erneut in Wut aus, sondern runzelte nachdenklich die Stirn. Dann wandte er sich wieder an Cædmon. »Was sagt Ihr?«
Cædmon wechselte einen kurzen Blick mit
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