Dave Duncan
Leuchten am südlichen Horizont, das keine Schatten warf und kaum heller war als das Mondlicht. Der Wind wirbelte den Schnee auf und schob ihn vor sich her über den Boden. Seit mehreren Stunden gab es ein Festessen in der Haupthütte, und die einzigen Personen, die nicht teilnehmen durften, waren Rap, Little Chicken und einige der ältesten Frauen, die mit Taschen voller Ausrüstung für die Wettbewerber in der Hütte der Jungen erschienen waren. Sie setzten die Jungen auf Hocker und schmierten sie mit Bärenfett ein. Little Chickens Haar legten sie in den üblichen fettigen Zopf, aber Raps zottiger Schöpf frustrierte sie. Er erkannte in keiner von den Frauen das alte Weib, das er in jener Nacht getroffen hatte. Die alten Weiber plagten sich schweigend, während Little Chicken fröhlich vor sich hin schwätzte. Er saß auf seinem Hocker, solange die Frauen ihn bearbeiteten, grinste Rap hämisch an und wiederholte die fürchterlichsten Torturen, die ihm einfielen.
»Mach gute Show, Flat Nose!« bettelte er. »Stirb langsam!«
Rap konnte nur versuchen, sein Gackern von sich zu geben, und heute versagte selbst das. »Death Bird!« beharrte Little Chicken und grinste glücklich.
Oh, ihr Götter!
Rap taumelte auf seinem Hocker zurück und unterdrückte einen Schrei der Verzweiflung. Er ist kostbar? Selbst wenn sein Hunger ihm die Vision einer Koboldzauberin vorgespielt hatte, wie konnte sie dann diesen Namen auf den Lippen geführt haben? War die Erscheinung etwa doch echt gewesen? War er dazu verdammt, gegen jemanden zu kämpfen, der durch Zauberei beschützt wurde?
Dann erinnerte er sich daran, daß Little Chicken seinen neuen Namen schon früher einmal erwähnt hatte, als er zum ersten Mal mit ihm sprach. Rap hatte ihn vergessen, das war alles. Raps Verstand hatte ihm also nur ein weiteres Mal einen Streich gespielt. Es hatte keine alte Frau gegeben. Offensichtlich war sie nichts weiter gewesen als ein Phantasieprodukt seines gequälten Gehirns.
Rap hatte sein Entsetzen offensichtlich gut verborgen, denn Little Chikken hatte es nicht bemerkt. »Clover Scent!« fügte er hinzu und seufzte vor Vergnügen.
Jeder Themenwechsel war willkommen. »Clover Scent? Klee-Duft?« fragte Rap unsicher.
»Heute ich heirate auch Clover Scent! Ich schenke Stücke von dir als Hochzeitsgeschenk.«
Rap fragte nicht, welche Stücke, und diese Aussicht brachte seinen Genossen dazu, seine scheußliche Litanei fortzuführen. Rap benutzte seine Sehergabe und fand ein sehr junges Mädchen, das in der Hütte der unverheirateten Frauen zurechtgemacht wurde.
Inzwischen waren die Wettkämpfer beinahe fertig. Die alten Hexen brachten dicke Handschuhe aus Fell für sie zum Vorschein; dann Fellschuhe, wie Rap sie nie zuvor gesehen hatte. Sie schienen ziemlich unpraktisch, tief eingeschnitten an den Knöcheln, nutzlos im Schnee, aber sie zeigten ihm genau, was die Prüfungen zu bedeuten hatten und warum er, ein Nichtkobold, den kleineren Cheep-Cheep und Fledgling Down vorgezogen wurde.
Little Chicken beobachtete ihn, als er sich darüber klarwurde, und grinste.
Die Handschuhe und Schuhe wurden getragen, damit die Finger und Zehen nicht abfielen, und bald kamen auch Ohrenschützer zum Vorschein. Doch außer der üblichen Unterwäsche gab es keine weitere Kleidung.
Ein starker Hengst macht ein starkes Fohlen – das hatte Rap jahrelang mindestens einmal täglich von Hononin zu hören bekommen. Darad hatte gesagt, die Kobolde merzten ihre Schwächsten aus, und offensichtlich zogen sie ihre Männer dazu heran, der Kälte zu widerstehen.
»Sehr kalter Tag, Flat Nose. Schlimmer Wind.«
Das Festessen ging zu Ende; die Dorfbewohner und ihre Gäste strömten hinaus in das Dämmerlicht und den bösen Wind. Es war ein sehr böser Wind, der den Schnee über den Lagerhof trieb und den Rauch von den Schloten fortwehte. Die Kälte war so bitter, daß der Schnee unter den Füßen knarrte. Selbst den Kobolden gefiel das nicht, und die Kinder waren nicht nur in ihre üblichen Wildlederkleider, sondern zusätzlich in Felle eingewickelt. Die Zuschauer drängten sich in Grüppchen zu einem unregelmäßigen Kreis zusammen und warteten auf den Wettkampf. Sie stampften mit den Füßen und brummelten vor sich hin, und ihr Atem wurde in schnellen weißen Wolken davongeweht.
In der Mitte des Kreises lag ein Ast, und sein Anblick gab Rap die letzten Hinweise, die er brauchte, als er, eingehüllt in einen dicken Fellumhang, nach vorne geführt wurde. Selbst
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