Deathkiss - Suess schmeckt die Rache
dachte er.Im Leben nicht.
Du weißt es zwar noch nicht, aber du bist zum Untergang verdammt.
Wie deine Mutter.
»Es tut mir so leid, was Mary Beth zugestoßen ist«, sagte Shannon, als sie ihren Bruder zum ersten Mal nach der Tragödie wiedersah.
»Ja, ich weiß«, antwortete er und wich ihrem Blick aus. Die Geschwister standen in der ordentlich aufgeräumten Küche ihrer Mutter. Es roch nach altem Bratfett und Lysol, wie schon seit vier Jahrzehnten. Der einzige Geruch, der fehlte, war der nach den Zigarren ihres Vaters. Zwar war Patrick zum Rauchen in das kleine Kaminzimmer oder auf die Veranda verbannt worden, doch das Tabakaroma hatte stets im Haus gehangen, wie zur Erinnerung daran, wer das Familienoberhaupt war.
Gott sei Dank, dass er die jüngsten Ereignisse nicht mehr erleben musste.
Patrick war ein begeisterter Feuerwehrmann gewesen, wie schon Generationen von Flannerys. Jetzt war Robert der Letzte der Familie, der den Beruf noch ausübte.
Welche Ironie des Schicksals, dass seine Frau ausgerechnet bei einem Brand ums Leben gekommen war.
»Wie geht es den Kindern?«, fragte Shannon in das Schweigen hinein.
»Es geht so. Elizabeth leidet unter Albträumen. RJ spricht nicht über den Vorfall, sondern scheint damit zu rechnen, dass Mary Beth jeden Augenblick wie durch Zauberei zurückkommt.« Roberts Stimme klang belegt, er räusperte sich. »Das Begräbnis wird schwer für sie sein.«
»Für uns alle«, pflichtete Shannon ihm bei. »Vielleicht solltest du die Kinder zu einem Therapeuten schicken.«
»Ja, Cynthia hält das auch für eine gute Idee.«
Shannon straffte den Rücken. Zwar redete sie sich ein, dass sie Roberts Beziehung akzeptierte – es war schließlich sein Leben –, aber es erschien ihr pietätlos und irgendwie unangemessen, so kurz nach Mary Beth’ Tod von Cynthia zu sprechen.
»Wo sind die beiden jetzt?«
»Noch immer bei Mary Beth’ Schwester, Margaret … Ich muss mir überlegen, wie ich die Betreuung nach der Schule organisiere.« Er schloss die Augen, als würde ihm jetzt erst klar, wie viel seine Frau eigentlich für ihn und für seine Kinder getan hatte. »Es ist ein verfluchter Albtraum«, flüsterte er, dann schien er selbst erschrocken über seine Ausdrucksweise und setzte rasch hinzu: »Verzeihung. Ich stehe noch unter Schock.«
»Ich weiß.« In diesem Moment klingelte es an der Tür: Die übrigen Brüder waren eingetroffen. Ihre Mutter hatte sie alle zu sich bestellt, denn sie fand, dass die Familie vor dem Begräbnis enger zusammenrücken sollte. Maureen hatte im Esszimmer auf der Anrichte und der Hausbar, in der noch immer der irische Whiskey und allerlei harte Schnäpse ihres Mannes standen, einen Imbiss angerichtet.
Sie unterhielten sich, tranken und verzehrten winzige Krabbenhäppchen, Obstspieße, Gemüse und Chicken Wings mit Dip. Im Fernsehen lief ein Baseballspiel: Die Giants verloren gerade gegen die Mariners. Die Brüder scharten sich um den Bildschirm.
Shannon erschien die gesamte Szene surreal; ihr war, als versuchte ihre Mutter irgendwie, das Unfassbare in die Normalität einzubetten, damit Mary Beth und ihr Andenken in Frieden ruhen konnten. Noch vor dem Begräbnis, bei dem der Flannery-Clan mit Mary Beths Familie konfrontiert werden würde.
Doch das gelang ihr nicht. Zwar gestand man es sich nicht ein, doch Mary Beth war gegenwärtiger denn je; ihr Geist schien im Raum anwesend zu sein, während sie hier banale, unsinnige Gespräche führten.
Shannons Kopfschmerzen meldeten sich zurück. Sie ging ins Bad, schluckte zwei Aspirin ohne Wasser, dann setzte sie sich auf den Rand der Badewanne und ließ sich von der Brise, die durchs offene Fenster wehte, den Nacken kühlen. Es war heiß im Haus. Stickig. Der Schweiß brach ihr aus allen Poren; mit einer Hand hob sie ihr Haar im Nacken an.
Sie hörte ihre Brüder auf der hinteren Veranda. Feuerzeuge klickten, die Luft trug Rauch und gedämpfte Stimmen herauf. Shannon belauschte ihr Gespräch ohne Hemmungen. Diese Angewohnheit hatte sie schon als Kind entwickelt, da sie sich angesichts der engen Bindung unter ihren Brüdern immer ein wenig ausgeschlossen fühlte.
Aaron sprach leise, doch sie schnappte das Stichwort ›Geburtenfolge‹ auf. Worüber redeten sie, zum Teufel?
Jemand, wahrscheinlich Shea, äußerte etwas über Neville, was sie jedoch nicht verstand. Und dann vernahm sie den Satzfetzen: »… haben wir unserem Vater zu verdanken.«
Shannons Neugier war geweckt. Leise schloss sie die
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