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Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition)

Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition)

Titel: Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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diese Wand?«
    »Wir werden Dir bringen, was Du brauchst, und Dir auch die Hände frei geben.«
    Diese Zusicherung elektrisirte mich. Die Hände frei! Da gab es vielleicht Gelegenheit, mir meine Befreiung zu erzwingen. Ich konnte den Derwisch fassen und ihm mit Erwürgung drohen. Ich konnte ihn so lange bei der Gurgel halten, bis er mich freigab.
    Aber diese mehr als romantische, diese überspannte Idee gelangte nicht einmal zu einem Versuche der Ausführung. Der Derwisch, welcher übrigens heute nicht die Kleidung seines Ordens trug, war vorsichtig. Er traute mir nicht und kam mit vier Kerls zurück, welche sich, mit den Waffen in den Händen, zur Rechten und zur Linken von mir niederließen. Ihre Gesichter glänzten dabei gar nicht etwa in vertraulicher Holdseligkeit. Die geringste verdächtige Bewegung wäre mein Verderben gewesen.
    Ich erhielt ein Blatt Pergament nebst Papier zum Umschlage und schrieb, das Knie als Unterlage benutzend, nachdem man mir den Strick von den Händen gelöst hatte:
    »Meinem Bruder Abbas Jesub Haman Mirza, dem Strahle der Sonne Farsistan’s, welcher jetzt leuchtet in Stambul.
    Gib für mich, dem unwürdigen Abglanz Deiner Freundlichkeit, dem Überbringer dieses Mektub sogleich fünfzigtausend Piaster. Mein Sandykdschi wird sie Dir zurückzahlen, sobald Du es von ihm verlangst! Frage den Boten nicht, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht! Ich bin der Schatten Deines Lichtes.
    Hadschi Kara Ben Nemsi.«
    Diesen Namen unterschrieb ich, da ich annehmen konnte, daß er dem Derwisch von dem Diener seines Vaters als der meinige genannt worden sei. Nachdem ich den Umschlag adressirt hatte, reichte ich Ali Manach Beides hin. Er las es laut vor, und es war mir ein nicht ganz unangenehmes Gefühl, die Genugthuung in den Gesichtern der ehrenwerthen Gesellschaft zu lesen. Im Stillen dachte ich dabei an das Gesicht, welches der Gesandte, der übrigens jedenfalls ganz anders hieß, denn seinen Namen kannte ich nicht, bei der Lektüre des Briefes machen werde. Wehe dem Überbringer!
    Der Derwisch nickte mir befriedigt zu und sagte:
    »Das ist gut! Und Du hast klug gethan, ihm zu schreiben, daß er nicht fragen solle. Er würde doch nichts erfahren haben. Jetzt bindet ihm die Hände wieder. Der Kiradschi wartet bereits!«
    Ich mußte mir die Erneuerung der unangenehmen ›Bandage‹ gefallen lassen; dann gingen sie und ließen mich in der Finsterniß allein zurück.
    Zunächst begann ich, die Festigkeit meiner Fesseln zu probiren. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht gelingen werde, mich von ihnen zu befreien. Ich begann also, anstatt mit den Händen, mit dem Geiste zu arbeiten.
    Wie kam der Derwisch nach Adrianopel? Jedenfalls nicht, um uns zu verfolgen, denn er hatte gar nichts von uns gewußt. Er hatte einen Boten seines Vaters erhalten. Dieser also hatte ihn herbeigerufen. Wozu? War seine Anwesenheit zu dem Streiche, welcher beabsichtigt worden war, nothwendig gewesen? Oder handelte es sich um ein neues Unternehmen, von dem ich gar nichts ahnte und wußte?
    Wo befand ich mich überhaupt? Wer waren diese Menschen? Gehörten sie zu der weit verbreiteten Bande des Usta? Oder standen sie in anderer Beziehung zu dem entkommenen Barud el Amasat und dessen Befreier? Ich hatte Lust, das Letztere anzunehmen. Die vier Kerls, welche neben mir gesessen hatten, waren im Besitze von ausgesprochen skipetarischen Physiognomien gewesen. Ich hielt sie für Arnauten.
    Und sodann hatte der Derwisch gesagt, daß der Kiradschi bereits warte. Die Kiradschia sind Fuhrleute, welche Gelegenheitsfuhren über die ganze Balkanhalbinsel unternehmen, ungefähr in derselben Weise, wie früher die ›Harzer‹ Landfuhrleute mit ihren schweren Lastwagen und messingbehangenen Pferden die verschiedensten Kaufmannsgüter durch Deutschland und durch die angrenzenden Gebiete schleppten. Der Kiradschi ist der Spediteur des Balkans; er ist überall und nirgends; er kennt Alles und Alle; er weiß auf jede Frage Antwort. Wo er anhält, da ist er willkommen, denn er weiß zu erzählen, und in den wilden, zerrissenen Schluchten des Balkans gibt es Gegenden, in welche während des ganzen Jahres keine Kunde von außen dringen würde, wenn nicht einmal der Kiradschi käme, um nachzufragen, ob der einsame Hirt Käse genug für eine Wagenladung angesammelt habe.
    Diese Fuhrleute bekommen Güter von hohem Werthe anvertraut, ohne daß man von ihnen irgend eine Caution verlangt. Die einzige Garantie besteht in ihrer Ehrlichkeit. Sie kommen

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