Delphi Saemtliche Werke von Karl May Band II (Illustrierte) (German Edition)
nach Monaten, ja oft nach Jahren erst zurück; aber sie kommen und bringen das Geld. Ist der Vater unterdeß gestorben, so bringt es der Sohn oder der Schwiegersohn; aber gebracht wird es.
Diese Ehrlichkeit der Kiradschia ist seit alter Zeit ein bewährtes Sprüchwort; leider aber scheint es jetzt anders werden zu wollen. Zwischen die altbekannten Fuhrmannsfamilien haben sich Neulinge eingedrängt, welche sich das gewohnte Vertrauen zu Nutze machen und da ernten, wo ehrliche Leute säeten. Sie bringen den Kiradschi, dessen Namen auch sie natürlich angenommen haben, um seinen sauer erworbenen guten Ruf.
Ein solcher Fuhrmann wartete also bereits! Doch nicht vielleicht gar auf mich? Sollte ich transportirt werden? Hier inmitten der Stadt durfte ich Hoffnung auf Befreiung haben. War ich bis am nächsten Morgen nicht bei Hulam, so wurde von Seiten meiner Freunde und besonders meines kleinen Hadschi sicherlich Nichts unterlassen, um mich ausfindig zu machen.
Wenn ich an diese dachte und an die sechs Khawassen, welche mit dem Tutemr bei Tagesanbruch vor dem Thore halten sollten, so hätte ich vor Grimm die Fesseln zerreißen mögen; leider aber waren sie zu fest!
Ich hatte Halef wegen seiner Unvorsichtigkeit ausgezankt; jetzt war ich selbst viel dümmer gewesen; ich war in eine außerordentlich plumpe Falle gerannt. Daß meine Gutherzigkeit daran die Schuld trug, konnte mir weder zur Entschuldigung noch zum Troste gereichen. Es galt jetzt, Geduld zu haben, das Kommende kaltblütig abzuwarten und jede Gelegenheit des Entkommens energisch beim Schopfe zu ergreifen.
Da, jetzt kamen die vier Menschen wieder. Ohne ein Wort zu sagen, banden sie mir ein dick zusammen gelegtes Tuch um den Mund; man wickelte mich in einen alten Teppich und schleppte mich fort. Wohin, das konnte ich natürlich nicht sehen.
Der Athem wollte mir vergehen. Das Tuch stank nach Knoblauch und nach allen möglichen Hexenkesselingredienzien. Ich schnappte nach Luft und fand doch keine. So muß es einem lebendig Begrabenen zu Muthe sein, wenn er die ersten Schaufeln Erde auf den Sarg fallen hört. Diese Menschen schienen gar nicht an die Möglichkeit gedacht zu haben, daß ich unter dem Tuche und unter dem fauligen Teppich vielleicht gar ersticken könne!
Die Bewegung, welche ich bisher gespürt hatte, hörte auf. Ich fühlte festen Halt unter mir. Man hatte mich irgend wohin gelegt; aber wohin, das wußte ich nicht. Dann war es mir, als ob ich das Knarren von Rädern vernähme; ich wurde auf und ab, herüber und hinüber geschüttelt. Ja, ich lag in einem Wagen; man schaffte mich aus Adrianopel fort!
Die einzelnen Glieder konnte ich nicht bewegen; aber die Beine anzuziehen und auszustrecken, das vermochte ich. Ich that dies und wiederholte es so oft, bis der Teppich sich ein wenig gelockert hatte. Nun spürte ich durch die Nase doch wenigstens eine Ahnung besserer Luft; der fürchterliche Alp wich von der Brust, und ich fragte mich, ob meine Lage denn gar so hilf- und hoffnungslos sei, daß es nichts als Ergebung gebe.
So sehr und angestrengt ich lauschte, ich hörte Niemand sprechen. Ich konnte also nicht erfahren, ob ich der Obhut eines oder mehrerer Menschen übergeben sei. Ich rollte mich nachrechts und dann nach links. Der Spielraum war nicht groß, der Wagen also sehr schmal, und übrigens stieß ich hüben und drüben so weich an, daß ich vermuthete, man habe mich mit Stroh oder Heu bedeckt.
An der Bewegung bemerkte ich, daß ich mit dem Kopfe nach hinten liege. Könnte es mir doch gelingen, da hinten vom Wagen zu stürzen! Es war Nacht und Dunkel. Ich hätte mich weit, weit fortwälzen können, um nicht gefunden zu werden, und dann wäre ich gerettet gewesen.
Ich machte die Beine krumm, stemmte die Absätze ein und schob mich nach hinten. Da fand ich aber festen Widerstand gegen den alle Anstrengung nutzlos war. Ich mußte auf diese Hoffnung verzichten.
Nun verging eine Zeit, welche mir aus mehreren Ewigkeiten zusammengesetzt zu sein schien. Da endlich, endlich merkte ich, daß menschliche Hände sich mit dem Teppich zu beschäftigen schienen. Ich wurde um und um gerollt, bis das Packet aufgewickelt war. Ich lag in tiefem Stroh, sah, daß der Tag angebrochen war, und über mir erschien das Gesicht des Dieners Barud el Amasat’s.
»Wenn Du mir versprichst, zu schweigen, so nehme ich Dir das Tuch vom Munde,« sagte er.
Ich nickte natürlich schleunigst und mit großem Eifer. Er band mir den Knebel herab, und nun strömte – Gott sei
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