Delphi Saemtliche Werke von Theodor Fontane (Illustrierte) (German Edition)
auf dem Aussichtspunkt, schön und heiter auch für Franziska, die das Berg-und-Burgenpanorama noch nicht kannte, darunter Schlösser und Türme, die seit der Türkenzeit in Trümmern lagen. Am meisten interessierte sie die Ruine von Schloß Merkenstein, und Graf Egon, der landeskundig war, erzählte von einer rätselvollen Buchstabeninschrift »O.H.I.N.N.«, die sich bis diesen Tag an dem stehengebliebenen Portal der Burgruine befinde. Phemi, die sich mitunter auf die Wissenschaftlichkeit hin ausspielte, wollte die Bedeutung davon für ihr Leben gern erraten und ruhte nicht eher, bis ihr Egon die Buchstaben ins Notizbuch geschrieben und schließlich, als alles Raten umsonst geblieben, die Versicherung gegeben hatte, daß nur der Wiener Witz bis dato die Deutung dafür gefunden habe.
»Welche?« fragte das Fräulein neugierig.
»Oesterreich Hinkt Immer Noch Nach.«
Und nun gab es ein norddeutsch übermütiges Lachen von seiten der beiden jungen Damen, das erst schwieg, als sie halb erschrocken einen spöttisch superioren Zug um den Mund der beiden Grafen spielen sahen. Aber Phemi witzelte rasch die kleine Verstimmung fort, und Graf Pejevics, der erst wenige Tage wieder aus England zurück war, wohin er sich der Rennen halber begeben hatte, wurde jetzt eindringlich gebeten, über seine Reise zu berichten, ganz besonders auch von seiten der alten Gräfin.
»Ich bin halb von englischer Extraktion«, sagte diese. »Meine Mutter war eine Howard und meiner Mutter Mutter eine Talbot.«
»Eine Talbot!« wiederholte Phemi mit einem beinahe komisch wirkenden Ernste, dem man es deutlich anhörte, daß die halbe »Jungfrau von Orleans« an ihrem inneren Auge vorüberzog.
»Aber trotz dieser nahen und nächsten Beziehungen«, fuhr die Gräfin fort, »war ich nie dort. Ich hab’ eine Scheu vor der Überfahrt und höre jedesmal zu meinem Troste, daß es keinen schlimmeren ›Pas‹ geben soll als den Pas de Calais. Indessen, wenn ich auch niemals dort war, ich höre doch gern davon. Alles ist interessant und eigenartig und zeigt uns das Leben von einer neuen Seite. Wie fanden Sie London?«
»Vor allem ohne Londoner und beinahe auch ohne Engländer. Es ist dasselbe wie mit Wien, wie mit allen großen Städten. Sie werden zum Rendezvous für die Provinzen oder die Welt überhaupt. In London ist alles ›irish‹ und ›scotch‹, und wollte man die Deutschen zählen, so fände man wahrscheinlich mehr als in unserem guten Wien. Im übrigen, um auch das noch zu sagen, ich kann mich mit einer Lebensweise nicht befreunden, die den Tag mit Speck und Ei beginnt und ihn mit Kognak abschließt. Kardinal Antonelli soll denn auch ausgerufen haben: ›Ich mag kein Volk, das vierzig Sekten und eine Sauce hat.‹ Er hätte nach meinen Erfahrungen auch noch hinzusetzen können: alles sei schwer und massig in diesem Lande, sogar die Träume. Wenigstens sprechen sie selber von plumpudding dreams.«
Es fehlte, wie sich denken läßt, nicht an Opposition dagegen, am meisten von seiten Phemis, die nicht müde wurde, vom Großen Freibrief an über Milton und Shakespeare weg bis zu Scott und Thackeray hin alles zu loben und zu preisen. Egon und Graf Pejevics amüsierten sich ersichtlich und stimmten mit ein oder widersprachen auch, je nach Laune.
So schwanden die Stunden, und erst als die Sonne gesunken und statt ihrer die Mondsichel sichtbar geworden war, erhob man sich, um den Rückweg anzutreten.
Auch die Gräfin zog jetzt vor zu gehen und sprach nur den Wunsch aus, daß der am wenigsten abschüssige Weg eingeschlagen würde. Graf Pejevics bot ihr den Arm, und Phemi plauderte nebenher, während Egon mit Franziska folgte.
Man ging anfänglich sehr vorsichtig, vorsichtiger noch als nötig; als man aber die Kuppe passiert und die breiteren Gelände gewonnen hatte, machte sich’s, daß man nicht nur in aller Bequemlichkeit, sondern auch in einem beflügelten Marschtempo marschieren konnte. Denn das bunte Treiben auf dem Schützenplatz unten hatte mittlerweile begonnen, und die festen Takte von Trommel und Pauke drangen bis hoch an den Abhang hinauf. Um jedes Karussell her waren Lichter und Lampions, und inmitten eines eingefriedigten Platzes, auf dem trotz der Mondhelle noch viele Pechfackeln brannten, erkannte man nicht nur Pierrot und Harlekin, sondern hörte ganz deutlich auch das Gelächter, das die Kapriolen und Witze beider begleitete.
»Wir kommen gerade zu guter Zeit«, wandte sich Egon an seine Begleiterin. »Und ich freue mich
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