Denkwürdigkeiten aus meinem Leben [microform]
gelangen. Auf mich, die ältere, hatte die neue Gestalt der Dinge weniger Einfluß gehabt, und durch eigentlich klassische Literatur gebildet, mit den Werken römischer und griechischer Schriftsteller (den erstem in der Ursprache) wohl bekannt, hatte mein Ge-dicht mehr einen antiken Ton und einen Anklang ho-merischer Art angenommen. Das sah ich wohl, daß auf die Damen unseres Kreises die Streckfußsche Bearbei-tung mehr Eindruck machte, wie ihnen denn überhaupt die damals moderne Poesie zusagte, und einiges mochte wohl des jungen, hübschen Dichters Persönlichkeit bei-tragen. Doch gönnte ich dem Freunde gern diesen Vorzug, und war — gewiß nicht mit Unrecht, über-zeugt, wie es auch der Erfolg bewiesen hat, daß auch meine Bearbeitung ihren Wert habe**^*).
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Julius Schneller Unsignierte Lithographie — k. k. Fidei-Commiß-Bibliothek Wien
So verging der Winter höchst angenehm und auch Tanz, Musik und andere gesellschaftliche Freuden ka-men wieder an die Reihe, es war eine liebliche Zeit!
Im Frühling verließ uns Schneller, der eine Pro-fessur in Linz erhielt; dafür aber hatte Streckfuß, der seine Hofmeisterstelle aufgegeben, meine Mutter er-sucht, ihm eine hübsche, aber von uns nicht gebrauchte Stube, das Zimmer meines seligen Bruders, das wir nicht benützten und selten und ungern betraten, zur Miete zu überlassen. Meine Mutter wiUigte mit Freuden ein. Sie hätte es ihm am liebsten unentgelt-lich überlassen; aber dies nahm Streckfuß natürhch nicht an, und so wurde er denn unser lieber Hausgenosse und jeden Abend (den Tag über ging er seinen Ge-schäften oder Arbeiten nach) nebst Karl Kurländer, der auch bei uns wohnte, unser Gast bei dem mäßigen Sou-per.
Nachträglich muß ich noch erzählen, was der Fa-den der Geschichte im Sommer 1804 mich übersprin-gen machte, daß ein Zufall, ich weiß nicht welcher, mitunter aber waren es auch Streckfuß lebendige Schflderungen schöner Gebirgsgegenden, die er uns mündlich mitteilte, in Pichler und mir den Vorsatz weckte, eine Gebirgsreise, und zwar nach Maria Zell zu machen. Pichler hatte in amtlichen Geschäften schon öfters die Gebirgsgegenden in Österreich ob und unter der Enns durchstreift. Er kannte die Wege, die Ge-genden, die Distanzen genau, und so wurde denn be-schlossen, daß wir uns auf den Weg machen und Maria Zell besuchen sollten, das, wie Pichler sagte, in einer sehr mäßigen Entfernung von anderthalb Tagen, bei trefflichen Straßen und bequemer Unterkunft, große Schönheiten darbiete.
Nachdem wir uns hierzu entschlossen, nahm sich mein Mann vor, noch einen Zweck mit dieser Reise zu vereinigen und eine ihm sehr teure Schwester, die nur eine Tagereise noch weiter als Maria Zell in Steiermark lebte, zu besuchen. Auch dieser Vorschlag ward gern angenommen; meine Mutter, obwohl damals schqp hoch in Jahren, erklärte, uns gern begleiten zu wollet, und so brachen wir denn an einem sehr schönen Au-gusttage im Sommer 1804, nebst unserm damals sehr kleinen Lottchen, auf, und fuhren über Mödling und Heiligenkreuz die etwas unbequemere, aber nach Pich-lers richtiger Ansicht viel schönere Wallfahrtsstraße bis LiHenfeld*«).
Nur in meiner Kindheit, beinahe dreißig Jahre frü-her, hatte ich mit meinen Eltern dieselbe Reise, aber über St. Polten gemacht, und außer den Leuchtkäfer-chen, welche auf dem Annaberg, den wir damals abends erreichten, zu beiden Seiten der Straße in den Gebü-schen schimmerten, so, daß es mich bedünkte, als sei der gestirnte Himmel hier auf die Erde gesunken, hatte ich von jener ersten Fahrt kaum eine Erinnerung behal-ten***). Daher war mir jetzt alles neu und alles wunder-schön, und auch die Leuchtwürmchen fanden sich wieder ein und stickten das Ufer der Traisen, die uns hier rauschend durch die nächtliche Dunkelheit ent-gegenströmte, mit hellen grünlichen Funken. Wir fuhren das Stift, das in großen dunkeln Massen in der Nacht halb sichtbar dalag, vorüber und zu dem soge-nannten Steg-Wirtshause, das eine Viertelstunde auf-wärts vom Stift am ufer des Flusses lag. Freundliche Menschen, reinliche Zimmer und Betten, eine ein-fache aber schmackhafte Abendkost fanden wir hier, und blieben, weil es uns hier so wohl gefiel, auch noch
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den folgenden Tag, gingen in der Gegend spazieren, weideten uns an dem saftigen Grün der Wiesen und Wälder, an den tausend Blumen, die hinter jedem Zaun hervorguckten, und tranken abends im Schim-mer der sinkenden Sonne im Garten des Wirtes, an
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