Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod 2
auch noch am Re-
spekt sparen. So einen Unfug könnten sie nicht verantwor-
ten, sagen sie, und glücklicherweise müssen sie das auch
nicht, denn die Abschaffung des großgeschriebenen »Du«
mag zwar inzwischen an den Schulen gelehrt werden; wie
aber jemand in seiner privaten Korrespondenz verfährt, ist
Gott sei Dank immer noch ganz allein seine Sache, da kann
ihm keine Kultusministerkonferenz dieser Welt hineinre-
den.
Viel schwerer aber haben es die Journalisten, die sich im-
mer wieder fragen müssen, wie sie die Duz-Anrede im In-
terview oder in Zitaten zu schreiben haben. Die Antwort
lautet: klein! Und das war schon immer so, also auch vor
Einführung der Rechtschreibreform. Wenn der lässige Re-
porter im Gespräch mit dem Fußballspieler die kumpelhafte
Frage stellt, ob er sich denn von der letzten Niederlage in-
zwischen erholt habe, so bleibt es sein Geheimnis, ob er das
»Du« dabei großspricht oder kleinspricht, aber im später ab-
gedruckten Interviewtext muss es kleingeschrieben werden:
»Hast du dich denn von der letzten Niederlage inzwischen
einigermaßen erholt?«
Denn hierbei handelt es sich lediglich um die WIEDERGA-
BE eines Gesprächs, und beim Wiedergeben und Zitieren
müssen eventuelle Höflichkeitsformen nicht berücksichtigt
werden, solange es sich um Pronomen der zweiten Person
handelt. Auch in der Literatur hat es nie der Großschreibung
bedurft, wenn sich zwei Personen in einer Geschichte unter-
halten:
Die Sonne war schon untergegangen, als der Kater endlich
nach Hause kam. Feline erwartete ihn bereits voll Ungeduld.
»Warum kommst du so spät?«, fragte sie. »Ich habe mir große
Sorgen um dich gemacht!« − »Aber du weißt doch, dass du
dir keine Sorgen um mich zu machen brauchst«, sagte Felix
und leckte sich die blutverschmierte Tatze, »der fette Mops
wird sich so bald nicht wieder in meine Nähe wagen!«
In der Mehrzahl bereitete die Anrede erst recht Probleme:
»Liebe Tante Emmi, lieber Onkel Berti, wie geht es euch/
Euch? Habt ihr/Ihr meine Karte aus Italien bekommen? Ich
habe mich über euer/Euer Geschenk jedenfalls sehr ge-
freut!«
Auch damit ist nun Schluss, der Rechtschreibreform sei
Dank (?), jetzt gibt es nur noch kleine »ihrs« und »euchs«,
Tante Emmi und Onkel Berti sind gewissermaßen zu tante
emmi und onkel berti geworden.
Doch nun zur dritten Person. Hier wird die Sache erst
richtig spannend, und hier liegt auch das größte Fehlerpo-
tenzial. Denn ob man »du« und »ihr« in Briefen und E-Mails
nun klein- oder großschreibt, ist vor allem eine Frage des
persönlichen Stils und hat weniger mit richtig oder falsch zu
tun. Etwas völlig anderes ist es mit dem »Sie«.
Beim Siezen werden alle Pronomen großgeschrieben, und
zwar immer und ausnahmslos, sowohl in der direkten An-
sprache als auch bei der Wiedergabe eines Interviews. War-
um das so ist, lässt sich leicht begründen: Es besteht akute
Verwechslungsgefahr! Sehen sie − Pardon: Sie nur mal hier:
Chatwoman: Meine Freundinnen gehen sehr oft ins Theater,
manchmal nehmen sie mich mit.
Chatman: Im Schauspielhaus läuft »Romeo und Julia‹. Ha-
ben sie das Stück schon gesehen?
Chatwoman: Wen meinen Sie? Meine Freundinnen?
Chatman: Nein, SIE! Haben SIE das Stück schon gesehen?
Chatwoman: Nein, noch nicht, aber ich würde sehr gern.
Meine Freundinnen wollen es unbedingt sehen!
Chatman: Ich könnte ja mit ihnen mitgehen. Wie wäre das?
Chatwoman: Nun ja, da müsste ich sie erst mal fragen, aber
in der Regel haben meine Freundinnen gegen eine neue Be-
kanntschaft nichts einzuwenden.
Chatman: Ich will mit IHNEN ins Theater gehen, nicht mit
ihren Freundinnen.
Chatwoman: Im Grunde genügt bei ›Sie‹ und »Ihnen« ein
Großbuchstabe, nämlich am Wortanfang, wenn Sie mich
meinen.
Chatman: ???
Ob Chatman und Chatwoman sich jemals getroffen haben
und gar zusammen ins Theater gegangen sind, darf einge-
denk dieses missglückten Starts ihrer Kommunikation be-
zweifelt werden.
Wenn er nicht gerade mit kulturinteressierten Damen chat-
tet, ist Chatman womöglich Programmierer oder, noch
schlimmer, Werbetexter, wenn nicht gar Redakteur. Die
sind nämlich nicht selten von einer äußerst irritierenden Ih-
nen/ihnen-Schwäche befallen. Dabei schreiben sie nicht
nur »sie« und »ihnen« klein, wenn »Sie« und »Ihnen« ge-
meint ist, sondern sie schreiben »Sie« und »Ihnen« groß,
wenn es tatsächlich »sie« und »ihnen«
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