Der Dieb der Finsternis
Schulter an. »Die Zeit läuft.«
»Wo willst du denn hin?« Michael zeigte auf die Mauer hinter ihnen. »Wir müssen über die Mauer und hinten raus.«
»Wir gehen durch den Harem«, entgegnete KC.
»Da verlaufen wir uns.«
»Auf der Mauer schnappen sie uns. Selbst wenn wir es bis auf die Straße schaffen sollten – sieh uns doch an. Wenn uns irgendein Bulle zu Gesicht bekommt, sind wir geliefert.«
Michael musste ihr recht geben: Sie beide sahen aus wie Penner. »Gehe ich recht in der Annahme, dass im Harem die Möglichkeit besteht, sich umzukleiden?«
KC lächelte und nickte.
Unter diesen Umständen war nichts gegen KCs Vorschlag einzuwenden, und so eilten sie und Michael über den kopfsteingepflasterten Gehweg auf die Eisentür zu. Ohne stehen zu bleiben, griff KC in ihre Tasche, zog eine lederne Brieftasche heraus und klappte sie auf.
»Hübsch«, meinte Michael, als er ihr über die Schulter blickte und einen Satz kleiner schwarzer Werkzeuge sah, von denen keines länger war als ein Bleistift. »Sonderanfertigung?«
KC nickte. Ihre Einbruchsutensilien waren zwölf Jahre alt und paradoxerweise ein Geschenk von Iblis gewesen – was sie aber niemals zugegeben hätte. Sie erreichten die große schwarze Tür. Michael beugte sich vor, hielt den richtigen Dietrich bereits in der Hand und steckte ihn in das Türschloss. »Ich fertige meine Werkzeug selbst an.«
KC schüttelte den Kopf und ließ die Brieftasche wieder in ihre Tasche gleiten.
Michael blieb kurz stehen, zog den Reißverschluss seiner schwarzen Tauchtasche auf, nahm zwei handgroße rechteckige Platten heraus und reichte sie KC. Wortlos, als hätten sie das Ganze geprobt, drückte KC ein Ohr an die Tür und fuhr mit den beiden Magneten an der Oberseite des Türpfostens entlang, hielt inne, als sie das leise Klicken vernahm, und ließ den ersten Magneten los. Mit dem zweiten Magnet arbeitete sie sich auf die gleiche Weise an der Seite des Türpfostens entlang, bis ein neuerliches Klicken ihr verriet, dass auch der zweite Alarmsensor reagierte. Dann ließ sie auch diesen Magneten los, dessen Anziehungskraft verhinderte, dass die Alarmanlage auf der anderen Seite der Tür reagieren konnte. Es war einer der simpelsten Tricks überhaupt: ein Magnet, der gerade mal fünfzig Cents kostete, setzte einen Tausend-Dollar-Schaltkontakt außer Gefecht.
Jetzt befasste Michael sich wieder mit der Tür und drückte mit geschickter Hand die kleinen innenliegenden Stifte des Zylinders zurück, entriegelte auf diese Weise das Schloss und öffnete die Tür.
Die beiden schlüpften in den im Dunkeln liegenden Korridor. Zu ihrer Rechten befanden sich die Gemächer und der Innenhof der Favoritinnen, der Lieblingsfrauen des Sultans. Je tiefer Michael und KC in den Harem vordrangen, desto mehr wurde ihr Umfeld zu einem osmanischen Labyrinth mit unzähligen Korridoren und Hunderten von Zimmern. Sie konnten sich nicht erinnern, bei ihrer Tour am Vortag auch nur einen einzigen dieser Rundbogengänge gesehen zu haben.
Sie liefen an der Hünkâr Sofası vorbei, dem Sultanssaal, einem dunkelrot, blau und gold verzierten Raum, in dem der Sultan sich auf jede nur denkbare Weise unterhalten ließ, sei es von Vorlesern, die Prosa rezitierten, von europäischen Schauspielern oder Minnesängern, von fernöstlichen Zauberern, indischen Schlangenbeschwörern oder afrikanischen Stammesfürsten, die ihm mit Löwen, Zebras und anderen exotischen Tieren ihre Aufwartung machten.
Michael und KC rannten an Treppenaufgängen und Säulengängen aus weißem und tiefrotem Marmor vorüber und durch blau gekachelte Korridore. Nichts von alledem hatte auf ihrem Besichtigungsprogramm gestanden. Sie rannten schneller, als sie den von Säulen gestützten Eingang zu jenem Teil des Harems erreichten, in dem einst die schwarzen Eunuchen residiert hatten. Hier stießen sie auf einen offenen Gang, aus dessen kleinen Fenstern man auf das Gelände des Palasts und die Party blicken konnte, die an diesem Abend dort stattfand.
Beide schauten auf die Menschenmenge.
»So wie wir aussehen, können wir da nicht raus«, sagte Michael und wies dabei auf ihre durchnässte Kleidung.
KC huschte um die Ecke und zog das blaue Abendkleid aus ihrer Tasche. Zum Glück hatte die wasserdichte Beschichtung ihrer Tasche das Kleid trocken gehalten. Sie glättete die Falten und Knitter, so gut es ging, und streifte das Kleid über. Dann bürstete sie ihr langes blondes Haar aus, band es sich hinten zusammen und schlüpfte
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