Der Dieb der Finsternis
sich mit aller Macht, die Hand ruhig zu halten und präzise zu arbeiten.
Geschickt schob er die dünne Klinge an seinem Arm entlang zum Handgelenk, schlug die Spitze des Schraubenziehers in den Rand des Armschlitzes der Handschelle, traf aber nicht und rammte sich den Schraubenzieher in die Handfläche. Doch er ignorierte die tosende Strömung und den Schmerz in seiner Hand, konzentrierte sein ganzes Denken und Trachten ausschließlich auf das Schloss, versuchte es noch einmal, ganz langsam, ganz so, als fädelte er einen Faden in eine Nadel ein. Und dieses Mal glitt die dünne Klinge hinein in den Schlitz, drückte die Arretierung von den Zähnchen weg, und sein Handgelenk war frei.
Jetzt, da das Abflussgitter nicht mehr an ihm hing und sein Körper nicht mehr festgehalten wurde, wurde Michael mit gewaltiger Kraft in das Rohr und in die Fluten des tosenden Wassers gesaugt. Er wurde gegen die Wände des zwölf Meter langen Rohres geschleudert. Sein Kopf und sein Körper schlitterten an den Seiten entlang, bis er schließlich in das Wasserbecken im Vorraum der Zisterne geworfen wurde. Er tauchte auf und schnappte gierig nach der feuchten Luft. Mit geschlossenen Augen ließ er sich auf dem Rücken treiben, gewann allmählich die Fassung zurück und bekam den Kopf wieder frei, obwohl der Schmerz, der sich in seinem ganzen Körper Kämpfe lieferte, ihn abzulenken versuchte.
Iblis hatte ihn besiegt.
Michael wusste nicht, was er KC sagen sollte, aber bis dahin blieb ihm ja noch Zeit. Da der Zugang durch den Harem überschwemmt war und man sein Seil zerschnitten hatte, würde er einen anderen Weg finden müssen, hier herauszukommen. Wenigstens war KC in Sicherheit – hoffte er zumindest.
Endlich öffnete Michael die Augen, sah sich um und war erstaunt, dass seine Leuchtstäbe noch nicht ganz verglüht waren. So gern er hier herauswollte – er war glücklich, diesen Raum zu sehen. Es bedeutete, dass er noch am Leben war.
Plötzlich hörte er ein Geräusch. Es hallte von den Wänden wider und kam näher, direkt auf ihn zu. Sekunden später blickte er geradewegs in KCs Gesicht.
Beide waren völlig durchnässt und grenzenlos erschöpft.
»Alles in Ordnung?«, flüsterte KC mit müder Stimme.
»Ja.« Michael nickte.
Betreten starrten sie einander an, und in ihren Augen spiegelten sich die unterschiedlichsten Gefühle. Keiner berührte den jeweils anderen; dieser fehlende Körperkontakt machte die ohnehin unbehagliche Situation noch unbehaglicher. Nachdem sie einander eine kleine Ewigkeit angeschwiegen hatten, ergriff Michael schließlich das Wort.
»Was treibst du hier unten?«, fragte er verwirrt. »Du solltest bei Busch sein.«
»Ich bin hergekommen, um dir zu helfen«, erwiderte KC.
»Ich brauche keine Hilfe.«
»Tatsächlich?«, vergewisserte KC sich ungläubig und erschrak, als sie sah, wie geschunden Michaels durchnässter Körper war.
»Hast du den Stab geholt?«, fragte er.
KC drehte sich um, zog die Rolle herunter, die sie sich auf den Rücken geschnallt hatte, und hielt sie ihm unter die Nase wie einen Pokal. »Und du?«, fragte sie spitz zurück. »Hast du die Karte gefunden?«
»Schon …«, begann Michael, verstummte dann aber.
»Da drin?« KC wies auf die zertrümmerte Mauer, die in die Kapelle führte.
Michael nickte.
KC betrachtete seinen Körper, entdeckte aber nirgendwo einen Hinweis, dass er die Karte mit sich führte.
»Nun ja …«, meinte Michael abwehrend und griff dabei unbewusst an die Neoprentasche, die um seine Lenden baumelte.
KCs Blick wurde ernst. »Iblis?«
»Sei unbesorgt.«
»Unbesorgt?« KC drehte Michael den Rücken zu und schaute sich um in der vergessenen Welt, die sie umgab, blickte auf das Wasser, das brodelnd aus dem Rohr strömte. »Wie sollen wir meine Schwester zurückbekommen, wo er jetzt weiß, dass wir versucht haben, die Karte zu stehlen?«
»Iblis hat vielleicht die Karte, aber was er wirklich braucht«, Michael zeigte auf KCs Lederrolle und senkte die Stimme, sodass sie einen beruhigenden Tonfall annahm, »hast du da in der Hand. Er wird nicht riskieren, dass du ihm das nicht gibst. Cindy und Simon wird nichts geschehen, solange du das da festhältst.«
KC stand da, ohne auf Michael oder seine Worte einzugehen. Sie schaute nur auf die Lederrolle in ihrer Hand, die über das Schicksal von Cindy und Simon entschied.
»Aber zuerst das Wichtigste«, fuhr Michael fort bei dem Versuch, KC dazu zu bringen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. »Wir
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