Der Dieb der Finsternis
ihr Hilflosigkeit, ihre verlorene Liebe, ihre seelische Qual: »Michael!«
***
Iblis verließ unbehelligt den Topkapi-Palast, telefonierte dabei und informierte die örtliche Polizeibehörde über verdächtige Aktivitäten im Palast. Schnurstracks eilte er zu seinem Wagen. Als er davonfuhr, blickte er zur Sicherheit kurz in seinen Innenspiegel. Der große blonde Amerikaner, der ihm am frühen Abend ständig gefolgt war, saß noch immer vorn in seiner Limousine und schien nicht die leiseste Ahnung zu haben, was ihm soeben durch die Finger geglitten war.
Iblis fuhr die Straße hinauf und parkte hinter der Hagia Sophia. Er öffnete die lederne Transportrolle, ließ die Karte auf den Sitz fallen und starrte auf die hellbraune Gazellenhaut, erstaunt über die präzise Detailarbeit: die tiefen Rot- und Brauntöne, die sorgfältig eingezeichneten Gebirge und Ozeane. Bilder von Tieren auf dem Festland, Bilder von Schiffen auf den Wassern. Inseln und Atolle, Korallenriffe und felsige Küstenstreifen, alle dargestellt mit einem atemberaubenden Maß an Aufwand zu einer Zeit, als es noch keine Theodoliten gegeben hatte, kein GPS, keine Satelliten und keine Kameras – zweihundert Jahre, bevor John Harrison mittels seiner Uhren ermöglicht hatte, den genauen Längengrad auf See zu bestimmen.
Wie die andere Hälfte der Piri-Reis-Karte, die unter einer Eisschicht von anderthalb Kilometern Dicke die Antarktische Landmasse darstellte, die erst in den späten Fünfzigerjahren des Zwanzigsten Jahrhunderts kartographiert worden war, waren auch auf dieser Karte Geheimnisse verborgen – Geheimnisse, die noch sehr viel größer waren.
Die Handschrift war kunstvoll, stammte von geschulter Hand, und die Anmerkungen waren bildhaft und präzise. Als Iblis die türkischen Worte las, die fünfhundert Jahre zuvor geschrieben worden waren, machte plötzlich alles Sinn. Er begriff, wohin die Karte wies und warum Großwesir Sokollu Mehmet beschlossen hatte, sie vor der Welt zu verstecken. Das hier war nicht nur einfach eine Seekarte, es war in Wahrheit eine Landkarte, eine Darstellung der Welt, die man unter Benutzung vieler Quellen angefertigt hatte und die den Weg zu Orten und Gegenständen wies, die zur damaligen Zeit als extrem kontrovers gegolten hatten. Es war eine Karte, die genaue Wegbeschreibungen zu Geheimnissen enthielt, die ausschließlich Sultanen, Königen und Göttern vorbehalten waren. Iblis wurde klar, warum Philippe Venue diese Karte besitzen wollte. Hier ging es nicht nur um irgendeine Beute, die man einstreichen wollte. Hier ging es um einen legendären Ort, um ein Mysterium, nach dem Herrscher, Könige und Despoten seit Jahrtausenden suchten.
Die Karte, die Iblis in den Händen hielt, führte in eine Welt, um die sich die Nebelschwaden einer uralte Legende rankten.
***
Michael schlug hart auf dem Boden auf, denn das Abflussgitter, das mit der Handschelle an seinem Handgelenk verankert war, riss ihn mit sich und zog ihn hinab in den Tod. Kaum dass er den Boden berührte, wurde sein Körper von der Strömung mitgerissen – eine reißende Flut, die ihn gewaltsam mit sich zerrte und mit den Füßen voran in das Rohr am Fuß der Mauer sog. Doch unmittelbar davor blieb er stecken, denn das Gitter schlug gegen die Wand, und sein Arm, der ja am Gitter festhing, wurde brutal gezerrt. Sein Körper wurde hin und her geworfen von der Kraft des Wassers. Die Strömung wirbelte um ihn herum, um dem gewaltigen Druck zu entkommen. Michaels Neoprentasche mit den Handwerkszeugen schlug ihm gegen die Lenden wie ein Sack, der mit Steinen gefüllt war. Er versuchte, irgendetwas zu erkennen, doch außer Schaum und Blasen, die aus dem Loch schossen und um ihn herumpeitschten, konnte er nichts erkennen.
Es waren erst fünf Sekunden vergangen, aber seine Lunge brannte bereits wie Feuer. Nach dem Kampf oben und dem Kampf unten wusste Michael, dass ihm weniger als dreißig Sekunden blieben. Dann würde ihm die Luft ausgehen.
Michael griff an seinen Gürtel und fand den Schraubenzieher auf Anhieb. Fest umklammerte er ihn mit der rechten Hand, zog ihn aus dem Gurt und bewegte ihn nach oben auf die Handschellen zu. Er schloss die Augen und versuchte, sich die Griffe vorzustellen, die er bei Tageslicht schon viele Male vollführt hatte – ohne Belastungen durch Wasser, Druck und Strömungen. In Michaels Brust brannte es immer mehr, und sein Handgelenk war blutverschmiert und gefühllos. Langsam machte sich Verzweiflung in ihm breit, doch er bemühte
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