Der Dieb der Finsternis
hakte sich bei ihm ein, und sie schlenderten sie auf den Diwan zu.
»Warum sind Sie heute Abend hier?«, fragte KC.
»Meine Firma unterhält enge Kontakte zu sämtlichen EU-Mitgliedsstaaten. Wir haben die Feierlichkeiten heute Abend in erheblichem Maße mitfinanziert.«
»Was machen Sie genau?« KC tat so, als wäre sie ernsthaft interessiert. Gemächlich schlenderten sie unter der Überdachung des Diwans dahin. Da es dunkel war, konnte KC nur ahnen, wie der Mann in den tiefen Ausschnitt ihres Kleides spähte. Schließlich blieben sie stehen, genau vor dem Eingang zum Harem.
»Import und Export.«
»Waren oder Menschen?«, witzelte KC. Sie stellte sich vor ihn, sah ihm fest in die Augen und sprach damit eine deutliche Einladung aus.
»Wein«, sagte er und versank dabei in ihren Augen. »Nur der allerbeste.«
»Ich liebe Wein«, hauchte KC so leise, dass er sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen.
»Und Sie?«, fragte er. »Was führt Sie hierher?«
»Ich bin wegen meiner Schwester hier«, sagte KC die volle Wahrheit.
Jean Frank erhielt nie die Gelegenheit, KC weiter nach ihrer Schwester zu befragen, weil Michael von hinten zupackte, ihm seinen Unterarm um die Kehle schlang und zudrückte, bis der Körper erschlaffte. Michael zog den Bewusstlosen durch die offene Tür in den Harem.
»Du liebst Wein?«, fragte er, während KC die Tür hinter sich schloss.
»Nun mach aber halblang! Ich habe ihn geschnappt, oder?«
»Du hast dabei ausgesehen, als hätte es dir Spaß gemacht«, erwiderte Michael, halb im Scherz, halb aus Eifersucht.
»Kann sogar sein.« KC kniete sich auf den Boden, machte sich an den Schuhen des Mannes zu schaffen und schnürte sie auf.
Michael zog Jean Frank die Sachen vom Leib und streifte sie seinerseits schnell über. Dann hüllte er den bewusstlosen Mann in seine nassen Kleidungsstücke und fesselte ihn mit seinem Gürtel und KCs nassem Hemd.
»Er wird seiner Frau so einiges erklären müssen.« KC sah, dass Michael nach draußen auf das Partygewühl schaute. »Da sind sehr viele Polizisten«, murmelte er. »Was ist in der Zaubertasche?«
KC leerte die blaue Segeltuchtasche mit den Partygeschenken und breitete auf dem Fußboden Zeitschriften, Parfums und Prospekte aus.
»Nein, ich meinte die da«, sagte Michael und zeigte auf KCs Handtasche, die ebenfalls auf dem Fußboden lag.
»Außer Make-up? Ein Messer, Mobiltelefon, Taschenlampe … nicht viel, was uns jetzt helfen könnte. Wie steht es bei dir?«
Michael öffnete seine Neoprentasche. »Sprengstoffschnüre, ein paar elektronische Sprengkapseln, Zünder, Taschenlampe, mein Handy und mein Funkgerät, Hammer und Meißel … mein Stemmeisen und meinen Schraubenzieher habe ich im Wasser verloren, aber das Messer habe ich noch.« Michael schaute wieder nach draußen auf das festliche Treiben.
»Wenn Iblis die Polizei einschaltet, ist hier der Teufel los. Dann würden wir ein massives Ablenkungsmanöver brauchen, um hier rauszukommen.«
»He.« Michael konnte in KCs Augen sehen, wie angespannt sie plötzlich war. »Wir werden Cindy und Simon zurückbekommen.«
»Aber Iblis hat die Karte. Was, wenn er das hier jetzt gar nicht mehr braucht?« KC hielt die Transportrolle mit dem Sultansstab hoch.
»Und ob er das braucht.«
»Woher willst du das wissen?«
Michael dachte an den Brief von Bora Celil, dem Kapitän, dem Kemal Reis vertraut hatte, und an seine geheimnisvollen, warnenden Worte, die sich nicht nur darauf bezogen, wohin die Karte führte, sondern auch auf den Stab an sich. Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass die beiden Dinge zusammengehörten. Venue brauchte sowohl die Karte als auch den Stab, um sein Ziel zu erreichen, was immer das auch sein mochte. Es stand außer Frage: Iblis würde Istanbul nicht verlassen ohne den Stab, den KC in den Händen hielt.
»Ich weiß es einfach«, gab Michael endlich zur Antwort. »Und mach dir keine Sorgen um die Karte, die hole ich uns zurück.« Michael zeigte auf die lederne Transportrolle, die den Stab enthielt. »Halt das ganz fest, okay?«
»Wie willst du dir denn die Karte zurückholen?«
»Da musst du mir einfach vertrauen«, erwiderte Michael.
»Es tut mir leid«, meinte KC, und ihre Miene entspannte sich. »Es tut mir leid, dass ich dich in diese Sache hineingezogen habe.«
»Machst du Witze? Was sollte ich an einem Samstagabend denn sonst tun?«
KC lächelte. Sie war froh, dass Michael selbst im Angesicht der Gefahr noch Sinn für Humor hatte.
»Ich will
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