Der Dieb der Finsternis
Dschungel Indiens stammte.
Langsam begann er zu sprechen und unterhielt sich mit dem Mann. Es schien ein höfliches Gespräch zu sein. Die Worte klangen sanft, ganz anders, als es Hadrids Natur war. Überdies war es ein Verhalten, an das wir auf See nicht gewöhnt waren. Schließlich drehte Hadrid sich zu Kemal um und sprach drei Worte:
»Wir sind tot.«
Hadrid erklärte, dass der Mann seit unzähligen Monaten mit dem Schatz unterwegs sei – einem Schatz, der immer wieder gestohlen worden war, seit man ihn aus einem Grab in einem Berg geholt hatte, in dem er Jahrhunderte versteckt gewesen war. Der Mann nannte ihn den »Schatz des Teufels«. Es war ein Schatz, von dem behauptet wurde, man habe ihn einst aus der Hölle selbst geraubt, und ihn zu besitzen bringe Wahnsinn und Tod mit sich.
Der alte Mann mit der teefarbenen Haut bettelte nicht und flehte nicht. Er bat Kemal lediglich, den Schatz an seine eigentliche Ruhestätte zurückzubringen.
Kemal war sechzig Jahre alt. Er hatte zahllose Schlachten geschlagen und mehr Schätze geplündert, als man in hundert Menschenleben verprassen kann. Er hatte das Leben und den Tod gesehen, hielt beide täglich in den Händen und spielte schon länger die Rolle eines Gottes, als er sich erinnern konnte. Doch er war stets ein gläubiger Mensch gewesen, ein frommer Moslem, der den fünf Säulen gefolgt war, den fünf Pflichten, denen sich alle Anhänger des Islam unterwarfen. Deshalb glaubte er an Allah und an Mohammed und an Engel, und ganz besonders glaubte er an die Hölle. Er war dem Bösen Aug in Aug begegnet und hatte gesehen, was der Teufel anrichten konnte. Und was er nun um sich her auf diesem Schiff sah, war die Manifestation des Bösen.
Der Mann streckte langsam die Hand nach Kemal aus, nach der Karte, die er unter dem Arm trug. Kemal reichte sie ihm und beobachtete, wie der Mann sie auseinanderrollte und auf eine Stelle auf der Karte zeigte, an die der Schatz zurückgebracht werden musste.
Wir beluden unser Schiff und schafften das Gold und die Juwelen in die drei größten Lagerräume unserer drei Führungsschiffe. Wir haben eine Mannschaft von hundert Mann ausgewählt und eine Route geplant, die durch den Indischen Ozean hinauf in den Golf von Bengalen führt. Von dort aus werden wir flussaufwärts in unbekannte Gefilde segeln und über Land weiterreisen mit dem spirituellen Mann als unserem Führer, hinauf auf die höchsten Höhen der Erde – mit der Absicht, dem Teufel den Schatz persönlich zurückzubringen.
Alle anderen Karten, die wir auf dem Schiff gefunden hatten, übergab Kemal seinem Neffen Piri und erteilte ihm den Auftrag, den Rest der Flotte um das afrikanische Sturmkap hinauf ins Mittelmeer und heim nach Istanbul zu segeln.
Michael saß da, ließ die Worte des osmanischen Kapitäns auf sich wirken und versuchte zu verstehen, wo Piri das Gros seiner Informationen für den östlichen Teil seiner Karte bezogen hatte. Obwohl die Mär vom Schatz und seinem Fluch sicherlich die Herzen vieler Menschen zu Eis gefrieren ließ, konnte Michael nicht begreifen, weshalb Piri beschlossen hatte, seine Karte wegen der Ängste eines einzelnen Korsaren in zwei Teile zu zerreißen.
Dann aber las Michael die letzte der übersetzten Notizen in dem Papierstapel. Sie war kurz, an Piri adressiert und mit der Anmerkung versehen, dass sie nach vierzehnmonatiger Seereise von dem Korsaren Hadrid Lovlais überbracht worden war, der zwei Tage später starb.
24. September 1513
Piri,
ich schicke dir diesen Schlangenstab, von dem wir jetzt wissen, dass er der Schlüssel zur Ewigen Nacht ist, im Auftrag deines Onkels Kemal, der dich anfleht, ihn ebenso zu verstecken wie die Seekarten, die von dem chinesischen Schiff stammen. Wir geben keine Erklärung ab über das, was wir hier vorgefunden haben, aber du musst wissen, dass die gesamte Mannschaft – außer mir, Hadrid und drei anderen, darunter Kemal – ums Leben gekommen ist.
Die Menschen sind noch nicht so weit, als dass sie die Wahrheiten erfahren dürfen, die wir gefunden haben. Männern wie uns steht es nicht zu, darüber zu entscheiden, wann die Welt das Recht auf dieses Wissen hat.
Es gibt Dinge, die nicht dazu bestimmt sind, dass man je von ihnen erfährt und die besser nie gefunden werden.
Salaam,
Bora Celil
Michael ließ sich die düsteren Worte Celils in Ruhe durch den Kopf gehen – und plötzlich verstand er, warum Piri seine Karte entzweigerissen hatte. Die Bruchstücke des Geheimnisses, nach dem Iblis
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