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Der Dieb der Finsternis

Der Dieb der Finsternis

Titel: Der Dieb der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Richard Doetsch
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an den übergroßen Schädel geklatscht. Seine Schultern waren nach vorn gebeugt, als würden die Jahre schwer auf ihm lasten. Mit einer Hand stützte der Mann sich auf einen knorrigen Kieferngehstock, um das Gleichgewicht zu halten. In der anderen Hand trug er einen schwarzen Aktenkoffer aus Leder.
    Ray Jaspers war Auslandsamerikaner und vor vierzig Jahren aus Chicago in diese Stadt gekommen. Seine Anwaltskanzlei mit Sitz in Den Haag arbeitete jetzt seit über zwanzig Jahren für Venue. Trotz seines gebrechlichen Erscheinungsbildes war Ray Jaspers der König der Informationsbeschaffung. Er war auf Industriespionage spezialisiert. Er kannte jede kränkelnde Firma, wusste, welche Finanzchefs Geld verschoben und in welchem Keller welche Leichen vergraben waren. Jaspers’ Informationen bedurften niemals einer weiteren Überprüfung, denn sie waren stets korrekt. War Iblis Venues tödliche linke Hand, so war Jaspers seine rechte, die das Zielfernrohr auf das Opfer richtete.
    Jaspers erreichte Iblis’ Tisch und setzte sich, ohne dazu aufgefordert zu werden oder ein Wort zu sagen. Er stellte seinen Aktenkoffer auf die Tischplatte, öffnete ihn und zog eine dicke Akte heraus.
    »Kaffee?«, bot Iblis ihm an.
    »Nein, dann muss ich in spätestens fünfzehn Minuten pinkeln«, erwiderte Jaspers mit schroffer, verraucht klingender Stimme. Er sah sich um, zog sein Einstecktuch hervor und tupfte sich damit über die schweißnasse Stirn. »Liegst du im Zeitplan?«
    Iblis nickte und nippte an seinem Kaffee. Es gab gewisse Spannungen zwischen ihnen beiden, die nicht zu leugnen waren.
    »Ich hoffe, das stimmt.« Jaspers Worte klangen wie eine Drohung. »Venue wird morgen hier sein. Er wird langsam ungeduldig.«
    »Ungeduldig ist er schon seit dem Tag seiner Zeugung«, gab Iblis zurück. Er konnte nicht verbergen, was er für Venue empfand. »Es gibt keinen Grund zur Sorge.«
    Jaspers schob die Akte über den Tisch.
    »Das hast du aber schnell geschafft.« Iblis zog ihm die Akte unter den Fingern weg.
    »Bei mir geht alles schnell. Ich glaube, du wirst die Akte interessant finden«, sagte Jaspers und erhob er sich.
    »Willst du schon gehen?«, fragte Iblis.
    »Nichts für ungut, aber wir zwei haben nichts zu bereden«, erwiderte Jaspers sachlich, drehte sich um und ging.
    Iblis sah dem alten Mann nach, der über den Bürgersteig schlurfte, bis er aus seinem Blickwinkel verschwunden war. Dann winkte er der Kellnerin, ihm noch mehr Kaffee zu bringen, machte es sich auf dem Stuhl bequem und nahm die Akte in die Hand, um sich eingehend über Michael St. Pierre zu informieren.
***
    Busch lenkte die Limousine am Großherrlichen Tor vorüber, dem Haupteingang zum Topkapi-Palast – obwohl »vorüberkriechen« die treffendere Bezeichnung gewesen wäre. Die Straßen waren verstopft von Taxen, Lieferwagen und Lastern. Hunderte von Menschen huschten umher wie Ameisen. Die einen schoben Rollwagen mit Lebensmitteln und Getränken durch den gewaltigen Torbogen oder entluden auf dem Bürgersteig Blumen und Tische, die anderen richteten auf ihren Nachrichtenfahrzeugen die Satellitenschüsseln aus. Jeder war zur Eile angetrieben. Es war, als fänden in der Stadt zeitgleich die Fußball-WM und die Olympischen Spiele statt, und man hatte nur eine Stunde Zeit, um alles dafür vorzubereiten.
    Buschs Blick fiel auf die Wachleute und auf die Polizeibeamten, die den Torbogen flankierten und das Gelände im Auge behielten. Jeder, den sie durchließen, führte einen Bildausweis mit sich, der an einer Schnur um den Hals hing.
    Ein Tieflader fuhr vor, und der Fahrer winkte den Polizisten zu, die ihn daraufhin durchließen. Die Ladung war unverkennbar: vier zusätzliche Sicherheitsscanner, wie man sie von Flughäfen kannte.
    »Musstest du die Sache unbedingt für heute Nacht planen?«, fragte Busch, als sie endgültig im Stau festsaßen.
    »Hin und wieder braucht jeder Mal eine Herausforderung«, gab Michael vom Rücksitz zur Antwort und drückte die Nase gegen das Rauchglas.
    »Ist KC auch eine Herausforderung?« Michael schaltete das Automatikgetriebe des Wagens auf Parken und drehte sich um, damit er in Michaels Gesicht schauen konnte.
    Michael bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. »Wir haben erst einmal alles auf Eis gelegt.«
    Busch erwiderte nichts. Das Schweigen schien sich eine Ewigkeit hinzuziehen, bis er es schließlich fragte: »Ich will ja nicht neugierig sein oder so, aber wer von euch beiden hat das beschlossen? Du oder sie?«
    »Ich«, log

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