Der dreizehnte Apostel
Luzifer gefallenen Engeln, zu Nero und Herodes und derengleichen?« Johannes sagte zu mir: »Es ist mir offenbart worden, mein Bruder. Dabei habe ich nur einen Bruchteil dieser Qual gesehen: welcher geteilt und abermals geteilt durch die Summe aller Sandkörner noch immer meine Fassungskraft überwältigte. Ich hätte mir die Augen aus dem Kopfe gerissen, wäre nicht Bruder Zossima mir in den Arm gefallen.«
Ich sah mir noch einmal Bruder Zossima an, ganze achtzehn Jahre alt, abgemage rt und von ständigem Weinen rot äugig. Auch er, wie mir schien, ein Verschnittener, dem kein Bart mehr wachsen würde.
16.
Da beschloss ich trüben Sinns, mich nicht länger in Ephesos aufzuhalten bei Johannes und dessen Artgenossen.
Ich unternahm dann eine Rundreise zu unseren Kirchen in Asien, besuchte Sardes, Pergamon, Thyatira und zahlreiche kleine Gemeinden im ländlichen Lydien und drang an allen Orten, wo Fehldeutung und Missbrauch die Nazaräer (oder Nazoräer) von der rechten Lehre entfernt hatten, was leider mehr oder weniger überall der Fall war, auf die Wiederherstellung guter Kirchenzucht. (Natürlich war mir schon überall Saulus zuvorgekommen, der unsere Kirchen mit allwissenden Episteln bombardiert, und obwohl man mir die schuldige Ehrerbietung bezeugte, war offenbar, daß niemand ihren Herzen näher war als Saulus mit seinen verführerischen Rundschreiben.) Im weiteren Verlauf dieses Jahres – Augenblick mal, Tesmegan, ja, des Jahres, in dem der elende Nero seine Seele mit eigener Hand in der Hölle ablieferte, die hinfort in Ewigkeit ihr Aufenthalt sein wird [68 n.Chr.] – verfasste ich eine Anzahl von Bußpredigten, von denen ich Exemplare an alle Kirchen in Asien versandte. Ich will versuchen, hier kurz zusammenzufassen, was ich darin sagte … (Andererseits reicht dazu die Zeit nicht. Tesmegan erinnert mich daran, daß er mich bald verlassen muss , wir werden also ohne weitere Umwege auf meine Rückkehr nach Judäa und mein Hauptanliegen zu sprechen kommen müssen. Du hast ganz recht, junger Mann, wenn es dir auch nichts geschadet hätte, dir mal anzuhören, wie man Buße tun soll und so weiter. Ja, ja, schreib es ruhig hin – schreib jedes Wort, das ich dir sage.)
17.
Also gut. Gegen Ende des zweiten Jahres des Auf-stands [mutmaßlich im Januar 69 n. Chr.] kehrte ich auf Umwegen auf unser Gut bei Jerusalem zurück, um dort das Ende der Kämpfe abzuwarten und unterdessen die dort untergebrachte nazaräische (oder nasiräische) Gemeinde zu verteidigen wie die Löwin ihr Junges.
Wiederholt ließ ich mir während meiner Reisen durch das verwüstete Land Geschichten erzählen, wie die Römer, immer die Römer, uns mit Krieg überzogen und welche Greuel sie in Jerusalem verübten. Wenn ich dann aber die Orte ihrer angeblichen Kriegsverbrechen erreichte, fand ich gewöhnlich, daß dieselben von Judäern an Judäern begangen waren, weil, wie gewöhnlich, auch in diesem Krieg vor allem Juden gegen Juden kämpften. Was die Römer betrifft, so haben sie es nur unserer Nationaldummheit zu danken, daß sie die Oberhand behalten haben: Florus forderte bekanntlich in seiner unersättlichen Habgier mehr Steuern und entdeckte, daß etliche Juden Almosen für ihn gesammelt hatten, als wäre er ein Bettler. Tausende mussten dafür sterben! Die durch Jerusalem marschierenden Römer erwiderten den Gruß der Juden nicht. Auf in den Krieg! rief da Judäa. Nero und die Brut der Abtrünnigen verlangten ein kleines Opfer im Namen des Kaisers. Hätten nun wir Juden nicht um des lieben Friedens willen einen Heiden bezahlen können, die verlangte sinnlose Zeremonie durchzuführen und dem Kaiser gefällig zu sein? Aber nicht doch! Lieber als in solch sinnlosen Formalitäten klug nachzugeben, ließen wir es dazu kommen, daß Juden Juden ermordeten zu Tausenden, bis zuletzt unsere Stadt, deren unvergleichlicher Glanz dir und mir noch erinnerlich ist, dem Erdboden gleichgemacht war!13
18.
Um die Erntezeit natürlich zogen deine römischen Mitbürger marodierend über Land, nahmen, was sie brauchen konnten, und setzten dann unser väterliches Gut in Brand. Mit meiner inzwischen stark dezimierten nazaräische Gemeinde – keine zwei Dutzend waren mehr übrig!
– zog ich über den Jordan, und wir suchten Zuflucht in dem scheußlichen Provinznest Pella, wohin sich kein Römer verirren würde. Unser Vater, Josephus, hatte, wie du weißt, für das Landleben nichts übrig und verließ Jerusalem nur selten; nicht zuletzt, weil
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