Der dunkle Turm - Gesamtausgabe
vor Horn und Sonne? Und was hast du da in deinem Deckelkorb, Lümmel?«
Haylis, dessen Augen beunruhigt glitzerten, drückte den Korb noch fester an die Brust. Finlis Lächeln verschwand sofort.
»Du klappst sofort den Deckel auf und zeigst mir, was du in deinem Korb hast, Freundchen, sonst kannst du deine Zähne vom Teppich auflesen.« Diese Worte kamen mit einem samtweichen, tiefen Knurren heraus.
Pimli glaubte einen Augenblick lang, dass der Rod nicht freiwillig gehorchen würde, und empfand kurz aufkeimende Besorgnis. Aber dann öffnete der Bursche doch langsam den Weidenkorb. Es war ein Korb mit Henkeln und Deckel, der in Finlis Heimatterritorium als Deckelkorb bezeichnet wurde. Der Rod hielt ihn Finli widerstrebend hin. Gleichzeitig schloss er die entzündeten, von Ausfluss verkrusteten Augen und drehte den Kopf zur Seite, als fürchtete er einen weiteren Schlag ins Gesicht.
Finli sah hinein. Er sagte lange nichts, dann lachte er ebenfalls bellend und forderte Pimli mit einer Handbewegung auf, selbst einen Blick in den Korb zu werfen. Was der Gefängnisdirektor darin sah, war ihm gleich klar, aber was es bedeutete, erfasste er erst einige Sekunden später. Er erinnerte sich jetzt daran, wie er einen Pickel ausgedrückt und Finli den blutigen Eiter angeboten hatte, nicht anders als man einem Freund ein nach einer Dinnerparty übrig gebliebenes Häppchen anbieten würde. Auf dem Boden des Weidenkorbs lag ein kleines Häufchen Kosmetiktücher. Gebrauchte Kleenex-Tücher, um es genau zu sagen.
»Hat Tammy Kelly dich heute Morgen hier zum Reinemachen geschickt?«, fragte Pimli.
Der Rod nickte ängstlich.
»Und hat dir gesagt, dass du dir alles nehmen darfst, was du aus den Abfallkörben brauchen kannst?«
Er rechnete damit, dass der Rod lügen würde. Sollte dieser das tatsächlich tun, würde er Finli befehlen, den Kerl zu züchtigen, um ihm eine Lektion in Ehrlichkeit zu erteilen.
Haylis schüttelte jedoch betrübt den Kopf.
»Also gut«, sagte Pimli erleichtert. Für Schläge und Heulen und Tränen war es wirklich noch zu früh. So etwas konnte einem das Frühstück verderben. »Du kannst gehen und deine Beute mitnehmen. Aber nächstes Mal bittest du um Erlaubnis, Freundchen, sonst wirst du mit Prügeln fortgejagt. Hast du verstanden?«
Der Rod nickte nachdrücklich.
»Los, geh schon, geh! Verschwinde aus meinem Haus, geh mir aus den Augen!«
Sie sahen dem Rod nach, während dieser mit dem Korb voller gebrauchter Kleenex-Tücher abzog, die er zweifellos wie Nougatpralinen genießen würde, und beschämten sich gegenseitig so, dass beider Gesicht ernst und streng blieb, bis der arme verunstaltete Sohn von niemandem außer Sicht war. Dann brachen sie in schallendes Gelächter aus. Finli o’ Tego torkelte rückwärts so heftig gegen die Wand, dass er dabei ein Bild vom Haken stieß, rutschte an ihr entlang zu Boden und johlte hysterisch. Pimli schlug sich die Hände vors Gesicht und lachte, bis ihm der gewaltige Schmerbauch wehtat. Das Lachen beseitigte die nervöse Anspannung, mit der sie beide den Tag begonnen hatten, und ließ sie schlagartig verfliegen.
»Wirklich ein gefährlicher Kerl!«, sagte Finli, als er wieder etwas reden konnte. Er wischte sich mit einer pelzigen Pfoten-Hand die Lachtränen aus den Augen.
»Der Rotzsaboteur!«, stimmte Pimli zu. Sein Gesicht war hochrot.
Sie wechselten einen Blick, dann brachen sie nochmals in erleichtertes wieherndes Gelächter aus, bis sie damit sogar die Haushälterin oben im zweiten Stock weckten. Tammy Kelly lag in ihrem schmalen Bett, hörte diese Ka-Mais schallend lachen und starrte missbilligend ins Halbdunkel. Die Männer waren doch alle ziemlich gleich, fand sie, völlig unabhängig davon, in welcher Art Haut sie steckten.
Draußen schlenderten der Hume-Oberaufseher und sein Taheen-Sicherheitschef Arm in Arm die Promenade entlang. Das Kind von Roderick schlurfte inzwischen mit gesenktem Kopf und wild hämmerndem Herzen durchs Nordtor hinaus. Wie knapp das gewesen war! Aye! Hätte Wieselkopf ihn gefragt: »Haylis, hast du irgendwas im Haus zurückgelassen?«, hätte er zwar gelogen, so gut er konnte, aber er und seinesgleichen konnten jemanden wie Finli o’ Tego nicht erfolgreich hinters Licht führen; nie im Leben! Er wäre aufgeflogen, ganz bestimmt. Aber er war nicht aufgeflogen, Gan sei gelobt. Das Kugelding, das der Revolvermann ihm gegeben hatte, war jetzt im hinteren Schlafzimmer versteckt und summte dort leise vor sich hin. Er hatte es
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