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Der eiserne Gustav

Der eiserne Gustav

Titel: Der eiserne Gustav Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Hans Fallada
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Gepäckträger den Lackpott Hackendahls. Ein zweiter hielt die Peitsche, die beiden anderen die Abschied nehmenden Freunde. Gustav Hackendahl wurde von Amerika eingeladen, doch ein kleines Stückchen mitzufahren, bis Warschau. Und ohne die Gepäckträger, die immer wieder auf den einsam wartenden Rappen verwiesen, hätte er es vielleicht getan. So bekam er denn zum Abschied eine Flasche Mampes bittere Tropfen geschenkt, aus der Manteltasche, und auch die Gepäckträger bekamen jeder eine Flasche – die sie dann freilich wieder hergeben mußten, weil das Abteil ohne Flaschen gar zu unwohnlich und einsam aussah.
    Dafür verteilte Amerika sein ganzes deutsches Papiergeld, und Gustav bekam sogar einen echt amerikanischen Zehndollarschein. Nachdem der Stationsvorsteher zuerst wegen des Krakeels Krakeel gemacht hatte, war er schließlich so erheitert, daß er zwei Minuten zu spät das Abfahrtsignal gab. Dann fuhr der Zug wirklich los, zwei breitköpfige, braune Schuhe sahen trostlos aus einem Abteilfenster erster Klasse, gingen in die Ausfahrtskurve und entschwanden – der Grenze zu, Warschau zu, Moskau zu, jedenfalls ungezählten Schnäpsen zu.
    Die Gepäckträger aber trugen den traurigen eisernen Gustav hinunter in seine Droschke, setzten ihn in die Ecke, deckten ihn warm zu, hingen dem Rappen den Futtersack um und hatten den ganzen Nachmittag ein wachsames Auge auf das Gefährt. Denn der Schlesische Bahnhof war damals eine ausgesprochene Rabengegend, und Raben wittern jeden Leichnam, besonders, wenn er einen echt amerikanischen Zehndollarschein in der Tasche trägt.
    So aber erwachte Gustav Hackendahl, nach ungestörtem Schlaf, mit einem ausgeruhten, wenn auch noch ein wenig benommenen Kopf. Ja, es war eine richtige Inflationsfuhre gewesen, dachte er auf der Heimfahrt, eine Fuhre, wie sie sonst nur den dämlichen Autos blühte. Aber sie war nur ein Einzelfall, bestimmt, ein Einzelfall zu bleiben, und zehn Dollar reichten bei drei Fressern keine Ewigkeit. Nein, davon allein konnte Gustav nicht so vergnügt zumute sein, er schob die Zigarre (echt amerikanisch!) von einem Mundwinkel in den anderen und überlegte und grübelte, warum er eigentlich so vergnügt war.
    Er erinnerte sich, er hatte eine Idee gehabt, und manchmal blitzte es in seinem Hirn ferne von der Idee – aber weiter kam er nicht. Wenn es blitzte, merkte er, es hing damit zusammen, daß er der eiserne Gustav war. Aber das war eigentlich bloßer Unsinn, denn alles hing damit zusammen, daß er der eiserne Gustav war, ohne ihn hörte alles auf. Soviel ihm bekannt war wenigstens. Wenn ich tot bin, sind alle tot, dachte er behaglich, denn das war ein sehr angenehmes Gefühl.
    Der Rappe zuckelte gemächlich weiter. Lange Straße, Warschauer Brücke, über den Alexanderplatz. Durch die Königstraße zum Schloß. Eigentlich hatte der eiserne Gustav über die Linden und durch den Tiergarten heim gewollt, aber schließlich zog er dann doch an der linken Leine und fuhr »unten herum«. Er fuhr hin und her, Zickzack fuhr er, jetzt um die Ecke, und nun schon wieder um eine Ecke. Und je mehr Ecken der eiserne Gustav umfuhr, um so heller wurde es in seinem Kopf, und als er vor dem Kellerlokal in der Mittelstraße hielt, da wußte er wieder, was für eine blendende Idee er in all seiner Besoffenheit gehabt hatte, und er nickte dem Schild über dem Lokal liebevoll und einverstanden zu.
    Auf dem Schilde aber stand zu lesen: »Zum groben Gustav«, und mit dem Lokal, in das Hackendahl hinabstieg, hatte es folgende Bewandtnis: Der Berliner, der bekanntlich ein sehr feinfühliges Geschöpf und äußerst leicht beleidigt ist – dieser selbe Berliner ist in einem gewissen Zustand vonAngeheitertheit für Grobheiten besonders empfänglich. Er lechzt dann einfach danach, daß auf seiner Empfindlichkeit herumgetrampelt wird.
    Nicht nur kleine Leute wie Angestellte und Gewerbetreibende, nein, die Spitzen der Geistigkeit und des Erwerbslebens waren schon vor Gustav Hackendahl die enge, dunkle Treppe in den Keller geturnt, bloß um sich grob kommen zu lassen. Wie so ein Wirklicher Geheimer Oberkammerrat selig aufseufzte, wenn ihm der grobe Gustav in seiner roten Weste mit den Begrüßungsworten entgegentrat: »Na, du oller Dussel, du hast woll heute mal wieder aus Versehen dein Jesicht in die Hosen und deinen Arsch in’t Jesichte jesteckt, wat?« – das war gar nicht zu sagen.
    Und außer kräftigster Grobheit gab es in diesem Lokal auch noch Holztische, und alles nannte sich du

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