Der fremde Gast - Link, C: Der fremde Gast
Sterne und des Mondes auszunutzen. Die Nummer der Polizei stand gleich auf der ersten Seite, zwischen den Nummern von Feuerwehr und Notarzt. Lautlos die Zahlenfolge vor sich hinmurmelnd, hob Inga den Telefonhörer ab.
Die Leitung war tot.
Sie drückte auf die Gabel, noch einmal, und dann wieder, nun schon hektischer, aber nichts war zu hören. Tot, tot, tot.
Okay. Konnte Zufall sein, eine Störung, aber das Telefon konnte auch manipuliert worden sein, und das bedeutete höchste Gefahr, weil es dann möglicherweise nicht einfach um einen Einbruch ging, bei dem der Täter nur schnell etwas stehlen und dann so rasch wie möglich verschwinden wollte. Wer sich die Zeit nahm, das Telefon lahm zu legen, hatte mehr vor.
Inga meinte, dass ihr Herzschlag längst das Haus hätte vibrieren lassen müssen. Sie musste hier weg. So schnell wie möglich. Sie konnte sich jetzt nicht um Rebecca kümmern. Sie musste sehen, dass sie Hilfe holte.
Ihre Schuhe. Ihre Schuhe standen im Flur. Egal. Es war zu riskant, sie zu holen. Sie musste jetzt und hier zur Verandatür hinaus, und sie musste eben barfuß bis in den Ort laufen, auch wenn ihre Füße wahrscheinlich blutig geschnitten waren, bis sie ankam.
Sie bewegte sich auf die Tür zu.
Der plötzlich aufflammende Lichtschein traf sie jäh und unerwartet und kam ihr vor wie ein Pistolenschuss, den jemand ohne Warnung auf sie abfeuerte.
Entsetzt schrie sie auf und fuhr herum.
In der Wohnzimmertür stand Marius.
Er sah verändert aus. Er war in der kurzen Zeit überraschend mager geworden, hatte struppiges Haar bekommen, und Kinn und Wangen waren von Bartstoppeln bedeckt. Seine Kleidung wirkte fleckig und abgerissen. Er war barfuß, und seine Füße waren dunkelbraun von Dreck. Er hätte ein Landstreicher sein können, der seit Jahren auf der Straße lebte. Als er näher kam, stellte Inga fest, dass ein unangenehmer, säuerlicher Geruch von ihm ausging.
»Hallo, Inga«, sagte er.
Sie sah sich hektisch um. Die Telefonschnur war durchschnitten, lag kaputt und unbrauchbar mitten auf dem Wohnzimmerteppich. Die Verandatür war verschlossen. Bis sie sie entriegelt hätte, wäre er neben ihr. Sie hatte keine Chance zur Flucht.
Es ist Marius, sagte sie sich, entspann dich!
Tatsächlich wurde sie ein wenig ruhiger. Es war Marius. Der Mann, mit dem sie seit zwei Jahren verheiratet war. Er mochte ein durchgeknallter Typ sein, und es war klar, dass sie mit ihm nicht zusammenbleiben würde, aber er hatte noch nie die Hand gegen sie erhoben, und …
Außer auf dem Schiff. Als er sie in die Kajüte stieß. Als er in Kauf nahm, dass sie sich den Hals brach.
Sie schluckte. Sie sah ihm in die Augen und erkannte, wie krank er war. Und begriff endlich, dass sie um ihr Leben hätte laufen müssen.
»Hallo, Marius«, stieß sie hervor, und es war nicht viel mehr als ein undeutliches Krächzen.
Er lächelte.
2
Wolf sprach die Tatsache, dass Karen aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen war, an diesem Morgen endlich an. Er war während des Frühstücks sehr schweigsam gewesen, hatte nicht einmal auf die eifrigen Fragen der Kinder reagiert, die sich natürlich alle um das Verbrechen im Nachbarhaus drehten. Da ihm dieses Thema sehr auf die Nerven gehen musste, hätte Karen erwartet, dass er irgendwann gereizt dazwischenfahren würde, aber er kaute nur sein Brötchen in sich hinein, trank in kleinen Schlucken seinen Kaffee
und vermittelte den Anschein, ihn gehe das alles nicht das Geringste an. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit stand er nicht als Erster auf und verließ das Haus, sondern er blieb schweigend sitzen und wartete, bis Karen die Kinder verabschiedet hatte und in die Küche zurückkehrte.
Sie sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick. »So«, sagte er, »du hast vor, von nun an immer im Gästezimmer zu schlafen?«
»Ich habe alle meine Sachen nach oben gebracht. Ja.«
»Gibt es dafür einen besonderen Grund?«
»Ich finde, es passt nicht mehr zu uns, gemeinsam in einem Bett zu schlafen«, sagte Karen.
Wolf hob die Augenbrauen. »Ach ja? Weshalb nicht?«
Sie schaute jetzt zum Fenster hinaus. Die Margeriten auf der kleinen Küchenterrasse wiegten ihre weißen Köpfe im leisen Morgenwind. Es würde wieder ein herrlicher Hochsommertag werden.
»Das weißt du doch«, sagte sie leise. Sie mochte nicht mit ihm sprechen. Sie hatte sich so oft gewünscht, mit ihm reden zu können, über ihre Ehe, über die Kälte und Distanz, die sich eingeschlichen hatten, aber es war nie möglich
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