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Der Gitano. Abenteuererzählungen

Der Gitano. Abenteuererzählungen

Titel: Der Gitano. Abenteuererzählungen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl May
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dieser Sihdi hier ist ein noch viel größerer Maharadscha aus Germanistan. Ich werde Dir es beweisen!«
    Er griff in die Tasche und zog die Speisekarte hervor, welche er im Hôtel Madras zu sich gesteckt hatte.
    »Hier, lies!«
    Der gute Mann ergriff das Blatt, führte es respectvoll an die Stirn, betrachtete es dann mit wichtiger Kennermiene und bewegte dabei die Lippen, als ob er lese. Dann schlug er es sorgfältig wieder zusammen, drückte es an die Brust und gab es zurück.
    »Ihr habt die Wahrheit gesagt, denn hier steht es geschrieben. Ihr werdet zu dem Mudellier gehen, und ich darf Euch also freilassen!«
    Er wandte sich grüßend ab und schritt mit seinen Kriegshelden der Stadt zu.
2.
    Noch war keine volle Stunde verflossen, so saßen wir in einem unsrer Zimmer des Hôtels und warteten auf Walawi. Unser Besuch beim Mudellier war ein kurzer gewesen. Der hohe, mit Zopf und Kamm geschmückte Beamte hatte uns mit finstrer Miene empfangen, war aber, als Walpole ihm seine Papiere vorlegte und ihn gar über seine Verwandtschaft mit dem Generalgouverneur der indischen Colonien unterrichtete, fast kriechend freundlich geworden und hatte den eigentlichen Zweck unserer Anwesenheit bei ihm erst im Augenblicke des Abschiedes in Erwähnung gebracht. Walawi brauchte Nichts mehr zu befürchten; Lord Walpole, der große Maharadscha aus Anglistan, hatte die Freiheit seines ehemaligen Dieners zum Geschenk erhalten.
    Endlich erschien dieser. Er wußte noch Nichts von dem glücklichen Ausgange, welchen seine kühne Flucht genommen hatte und war daher nur auf Schleichwegen und unter Anwendung der größten Vorsicht herbeigekommen. Die Botschaft, daß er vollständig frei sei, brachte nicht die freudige Wirkung bei ihm hervor, welche ich erwartet hatte. Wir sollten den Grund sogleich erfahren.
    »Sihdi, Ihr seid ein großer Herr, und ich wußte, daß Ihr mich retten würdet; aber was soll ich mit dem Leben thun, wenn mir die Blume desselben geraubt worden ist!«
    »Geraubt?« frug Sir John Emery erstaunt. »Ich denke, der Raub ist mißlungen, weil Du den Räuber niederstießest!«
    »Mein Kris traf ihn zu Tode, ja; aber während ich gefangen war, kam ein Zweiter und nahm sie des Nachts mit sich fort. Ich war bei meiner Hütte und habe Alles erfahren. Die Dschonke ist heut abgesegelt und Kaloma, die Schönste unter den Frauen der Vayisa’s wird unter der Umarmung eines chinesischen Rattenfressers sterben. Dein Diener aber, Sihdi, stürzt sich in’s Meer, da, wo es von Haien wimmelt und läßt sich von ihnen verschlingen!«
    Walpole saß einige Zeit schweigend und sinnend da. Endlich frug er:
    »Hast Du sie wirklich so lieb, Walawi?«
    »So lieb wie der Baum das Licht und wie das Gras den Thau. Ich kann ohne sie nicht leben!«
    »Wollen wir wetten, Charley?«
    »Worüber?«
    »Daß Walawi seine Kaloma wieder bekommt. Ich setze tausend Guineen!«
    »Ihr wißt, Sir, daß ich nicht wette.«
    »Ja, das ist wahr! Ihr seid ein ganz prächtiger Kerl, Charley, aber bis zum vollkommenen Gentleman werdet Ihr es doch niemals bringen, wenn Ihr Euch fort und fort weigert, auf eine gute Wette einzugehen. Ich werde Euch aber doch beweisen, daß ich Euch die tausend Guineen abgewinnen würde!«
    Er erhob sich und klingelte.
    »Zwei Palankins nach dem Hafen!« befahl er, als der dienstbare Geist erschien. Dann wandte er sich wieder zu dem Singhalesen.
    »Kennst Du die Dschonke?«
    »Ja. Es ist der ›Jao-dse‹; ich werde ihn gleich an dem geflickten Segelwerk erkennen.«
    »Der Jao-dse; gut! Wohin geht er?«
    »Ich habe mich vorhin nach dem Hafen gewagt und gefragt. Er geht quer über das indische Meer nach Canton.«
    »Ah! Weißt Du das gewiß?« frug er überrascht.
    »Ganz gewiß!«
    »Dann muß der Schiffer einen ganz besonderen Grund zur Eile haben. Der Passat ist ihm entgegen und die Fahrt mit großen Gefahren verbunden, wenn sie statt in einer späteren Jahreszeit schon jetzt unternommen wird. Die Dschonke kann noch nicht weit sein; wir dampfen ihr nach!«
    Dieser Entschluß wurde von dem Diener mit echt südländischem Jubel aufgenommen. Ich gönnte ihm gern die Freude, welche durch die neue Hoffnung in ihm erweckt wurde und mußte zugleich über die Selbstverständlichkeit lächeln, welche Walpole in Beziehung auf meine Begleitung voraussetzte.
    Der reiche Sohn Albions besaß eine jener wundervollen Dampfyachten, welche, auf den schottischen Docks am Clyde gebaut, durch ihre ungemeine Schnelligkeit berühmt sind und meist von

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