Der Gitano. Abenteuererzählungen
hätte diese Andern hier, und sage ihnen, was ich denke. Vielleicht kommt es noch einmal so weit, daß ich eine wirkliche Rede halte, die ich nicht in den Wind hineinstoße. Jetzt aber kommt mit zum Wasser. Da ist’s sicherer und bequemer. Es ist Alles zur Fahrt bereit, und bei guter Frühe schwimmen wir fort!«
Ich bemerkte zu meinem Erstaunen, daß wir bis an das Ufer des Flusses nur einige hundert Schritte zu gehen hatten. Da lag das Floß. Es war kunstgerecht zusammengefügt und trug eine schwere Menge junger Stämmchen, die dem Abraham ein schönes Geld einbringen konnten. Er hatte sich einen schönen Vorrath von Haar-und Federwild zusammengeschossen, so daß wir während der Reise wohl kaum zur Jagd gezwungen waren. Wir aßen also tüchtig Abendbrod und lagen dann mit unsern Pfeifen am Wasser und erzählten uns Allerlei Gutes und Schlimmes, wie man es so hier und da zu erleben bekommt.
Der Mann war nicht unrecht. Er hatte gar Vieles erlebt und über Alles gehörig nachgedacht. Darum brachte er Ansichten zum Vorschein, die mir einen ganz gehörigen Respect von ihm einflößten, und als wir uns »
good night
« sagten, wußte ich, daß ich in eine ganz respectable Gesellschaft gerathen sei und mich meines Bootsmannes nicht zu schämen brauche.
Am andern Morgen wurde die Fahrt begonnen. Sie ging ganz gut von Statten, obgleich zuweilen ein Pfeil oder eine matte Kugel vom Ufer her zu uns herüberflog. Auf dem Wasser hatten wir Wenig oder gar Nichts von den Rothen zu fürchten, und wenn wir des Abends anlegten, so geschah es stets an einem Orte, von welchem wir die nöthige Sicherheit erwarten konnten.
So gelangten wir in die Nähe von Fort Gibson. Wir wollten da an das Land gehen, um unser Schießzeug gehörig in Ordnung zu bringen. Es war am hellen Mittag, als wir den Ort vor uns liegen sahen und wir wunderten uns nicht wenig, keine Schildwache oder ein sonstiges menschliches Wesen zu erblicken. Selbst den Schornsteinen entströmte kein Rauch; es lag daher die Vermuthung nahe, daß hier etwas Außergewöhnliches vorgefallen sei.
Aus Vorsicht legten wir das Floß nicht an die gewöhnliche Landestelle, sondern verfolgten unsern Weg noch ein Stück stromabwärts, als ob wir vorübergehen wollten, und hielten erst hinter einer Krümmung des Flusses auf das Ufer zu. Hier nahm Lincoln Büchse und Messer zur Hand und stieg an das Land.
»Ich werde recognosciren, Tim Summerland. Du lässest das Ankerseil lang aus und hältst Dich bereit, es sofort zu durchschneiden, wenn Du etwas Verdächtiges bemerkst!«
Damit war er zwischen den hohen Uferweiden verschwunden. Ihr müßt nämlich wissen, daß sich während unserer Fahrt das geläufige »Du« bei uns eingeschlichen hatte. Ich bin heut noch stolz darauf und gebe es für kein Amt und keine Ehre hin.
Ich that, wie er befohlen hatte. Glücklicher Weise aber gab es keine Veranlassung, mit dem Flosse in die Mitte des Stromes zurückzugehen. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe er wieder erschien. Sein Gesicht hatte einen halb zornigen, halb pfiffigen Ausdruck.
»Tim, es giebt für uns zu thun. Jetzt kannst Du beweisen, daß Du kein schlechter Westmann bist!«
»Bin bereit dazu! Was hast Du gefunden?«
»Die Komanchen haben das Fort überfallen und Alles niedergemetzelt. Sie sind jetzt auf einem Zuge abwesend und haben nur eine Wache von zwölf Mann zurückgelassen. Die sind über den Brandy gerathen und liegen besinnungslos auf der Erde. Ich bin mitten unter ihnen gestanden, ohne daß sie sich gerührt haben. Komm, es giebt eine gute Ladung für uns!«
Es war ein kühner Gedanke, den er aussprach, und ich hatte nicht Lust, ihm abzurathen. In wenig Augenblicken hatten wir das Fort erreicht. Die überraschten Vertheidiger lagen zerstreut auf dem Boden, waren ausgeplündert worden und hatten ihre Kopfhäute lassen müssen. Es gab nicht viel darüber zu sagen. Wir traten in den Versammlungsraum, wo die Indianer ihren »
Drink
« gehalten hatten. Sie hatten gezecht, bis sie nicht mehr konnten, und lagen nun in einem todesähnlichen Zustande um das Faß herum, welches umgestürzt war und seinen Inhalt über die Erde ergossen hatte.
»Binden!« meinte Abraham Lincoln kurz.
Im Nu waren aus den Mantelhäuten der Rothen so viele Riemen geschnitten, als wir bedurften, und in weniger als einer halben Stunde befanden sich die Zwölf auf unserm Flosse, wo wir sie so fest an die Stämme schnürten, daß es für sie keine Möglichkeit zum Entrinnen gab. Für jetzt aber waren sie so
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