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Der Greif

Der Greif

Titel: Der Greif Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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gewesen sein mag. Es wäre sinnlos, eine Freundschaft nur zu dem Zweck zu erneuern, sie gleich wieder zu beenden.
    So verharrte ich eine Weile, wo ich war, drehte mich
    nochmals im Sattel um und nahm ein letztes Mal die
    Schönheit dieser Landschaft in mich auf: den blauen, blauen See, die Schwäne und Kraniche auf dem Wasser, die
    hübschen, übereinandergestapelten Häuser Haustaths und die gezackte Linie der schneebedeckten Bergriesen. Ich verließ die Hallstatt mit tiefer Trauer im Herzen. Weil sie so schön war, gewiß; vor allem aber, weil ich den Menschen hinter mir zurückließ, der mir der wichtigste von allen gewesen war, und mit ihm einen großen Teil meines
    bisherigen Lebens. Ich versuchte, mich damit zu trösten, daß Wyrd wenigstens einen so schönen Platz für seine
    letzte Ruhe gefunden hatte. Mit diesem Gedanken trieb ich Velox an und machte mich so, wie ich sie begonnen hatte, weiter auf meine Reise gen Osten: Allein.
    Vindobona
    1
    Wyrd war nicht wirklich hinter mir zurückgeblieben. Noch monatelang schien der alte Waldläufer jeden Tag, vom
    ersten Grau der Morgendämmerung bis zum letzten Grau
    des Abends, lautlos neben mir durch die Wälder zu reiten.
    Immer, wenn ich aufwachte, erwartete ich, ihn neben mir aufstehen zu sehen, sein verwuscheltes Haar und seinen Bart kratzend, griesgrämig wie eh und je, bevor er etwas im Magen hatte. In der Mittagshitze, wenn selbst die Eidechsen vor der Sonne in Felsspalten Zuflucht suchten und die
    Lerchen verstummten, vermeinte ich oft, Wyrds grummelige Stimme eine lange und überaus komplizierte Geschichte
    erzählen zu hören. Und immer, wenn ich mein Lager
    aufschlug, folgte ich gehorsam seinen unhörbaren
    Ratschlägen, wie das Feuer anzufachen oder ein frisch
    erlegtes Tier zu zerlegen sei.
    Es kam auch vor, daß ich selbstvergessen Worte an ihn
    richtete. Wenn ich etwa auf meinen Reisen einen auffällig geformten Berg erblickte, konnte es passieren, daß ich sagte: »Welche der Oreaden ist die Nymphe dieser Spitze, Fräuja?« Und beim Anblick einer besonders erfrischenden Quelle: »Wie heißt die Naiade dieses kühlen Gewässers?«
    Oder wenn ich ein besonders liebliches Wäldchen
    durchquerte: »Welche der Dyraden...?« Und vor einem
    stillen und verträumten See: »Und die Limniade, die...?«
    Niemals erhielt ich eine Antwort, aber ich erwartete auch keine; genausowenig, wie ich jemals eine dieser Nymphen zu Gesicht bekam oder es auch nur erwartet hätte.
    Vor allem nachts hörte und sah ich den alten Wyrd oft.
    Vielleicht haben die Heiden ja recht, wenn sie sagen, die Nacht sei die Mutter des Schlafs und der tausend Träume, und daß Morpheus ihr gewitztestes Traumkind sei,
    Morpheus, der in die Gestalt eines jeden Menschen, ob tot oder lebendig, schlüpfen kann. Wenn der Glaube der Heiden zutrifft, dann besuchte Morpheus mich des Nachts häufig in der Gestalt Wyrds, um mir Ratschläge, Hinweise und uraltes Wissen über den Wald zu geben. Aber ob er mir das wirklich aus dem Jenseits mitteilte, kann ich nicht sagen, denn alles Traumwissen, an das ich mich nach dem Aufwachen noch
    erinnern konnte, hatte mir Wyrd bereits zu seinen Lebzeiten weitergegeben. In jedem Falle war ich froh, Wyrd beständig in meiner Gegenwart zu spüren. Ich fühlte mich weniger verlassen auf meinen Wegen, und es half mir mit der Zeit sogar, den Kummer über den Verlust des alten Mannes, der nichts weniger als mein Ziehvater gewesen war, zu
    überwinden. Daß ich mich solange an die Lehren Wyrds,
    selbst seine zynischsten, erinnerte und auf sie so oft in meinem späteren Leben zurückgriff, zeigt, daß ich ihn nie als tot und vergangen abgeschrieben habe und es wohl auch
    bis zum Ende meiner Tage niemals tun werde.
    Da mich kein zwingender Grund zur Eile antrieb auf der Suche nach meiner vorgeblichen gotischen
    Blutsverwandtschaft, durchquerte ich den Rest der Provinz Noricum eher müßiggängerisch. Da mich auch keine Gier
    nach noch mehr Reichtum umtrieb, verzichtete ich auf die Jagd nach gehörnten oder Pelztieren oder sonstigem
    verkäuflichem Wild, sondern ich begnügte mich damit, für den Eigenbedarf zu jagen. Zu jener Zeit hatte ich bereits die Statur eines Erwachsenen, war darüber hinaus gut beritten und bewaffnet, und mußte also nicht länger fürchten,
    gefangen und in die Sklaverei verschleppt zu werden.
    Immerhin bewegte ich mich in einer mir unbekannten
    Gegend unter fremden Menschen, ohne einen Wyrd, der
    mich auf allfällige Gefahren aufmerksam gemacht

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