Der große Gatsby (German Edition)
nicht wahr, alter Knabe?«
»Ich bemühe mich.«
»Nun, dann dürfte die Sache Sie interessieren. Würde Sie nicht viel Zeit kosten und womöglich ein hübsches Sümmchen abwerfen. Es handelt sich um eine sehr vertrauliche Angelegenheit.«
Heute weiß ich, dass dieses Gespräch unter anderen Umständen ein Wendepunkt in meinem Leben hätte sein können. Doch da das Angebot ganz unverhohlen und taktlos als Gegenleistung für einen Gefallen meinerseits gemeint war, blieb mir keine andere Wahl, als Gatsby sofort eine Abfuhr zu erteilen.
»Ich habe alle Hände voll zu tun«, sagte ich. »Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich kann keine weitere Arbeit annehmen.«
»Es hat nichts mit Wolfshiem zu tun.« Offenbar glaubte er, ich scheue vor den beim Mittagessen erwähnten »Gondagden« zurück, doch ich versicherte ihm, dass er sich täusche. Er blieb noch einen Augenblick, wohl in der Hoffnung, ich würde eine Unterhaltung anfangen, aber ich war zu sehr in meine eigenen Gedanken versunken, um mich darauf einzulassen, und so ging er widerstrebend nach Hause.
Der Abend hatte mich benommen und glücklich gemacht; ich glaube, ich sank in Tiefschlaf, kaum dass ich mein Haus betreten hatte. Deshalb vermag ich nicht zu sagen, ob Gatsby nach Coney Island fuhr oder nicht und wie viele Stunden lang er noch »in ein paar Zimmer reinschaute«, während sein Haus fröhlich weiter vor sich hin strahlte. Am nächsten Morgen rief ich vom Büro aus Daisy an und lud sie zum Tee ein.
»Lass Tom zu Hause«, mahnte ich.
»Wie bitte?«
»Lass Tom zu Hause.«
»Wer ist ›Tom‹?«, fragte sie unschuldig.
Am Tag der Verabredung regnete es in Strömen. Um elf Uhr klopfte ein Mann im Regenmantel an meine Tür. Er hatte einen Rasenmäher dabei und teilte mir mit, Mr. Gatsby habe ihm aufgetragen, das Gras bei mir zu schneiden. Da fiel mir ein, dass ich meiner Finnin nicht Bescheid gegeben hatte, und so fuhr ich nach West Egg Village, um in den nassen, gekalkten Gassen nach ihr zu suchen und ein paar Tassen, Zitronen und Blumen zu kaufen.
Die Blumen erwiesen sich als überflüssig, denn um zwei Uhr schickte Gatsby ein ganzes Gewächshaus herüber, einschließlich unzähliger Gefäße, auf die es verteilt werden sollte. Eine Stunde später wurde ungestüm die Haustür aufgestoßen, und Gatsby stürmte herein, bekleidet mit einem weißen Flanellanzug, einem silbernen Hemd und einer goldenen Krawatte. Er war blass und hatte dunkle Spuren der Schlaflosigkeit unter den Augen.
»Ist alles bereit?«, erkundigte er sich unverzüglich.
»Das Gras sieht gut aus, falls Sie das meinen.«
»Welches Gras?«, fragte er verständnislos. »Ach so, das Gras im Garten.« Er schaute aus dem Fenster, doch seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, nahm er nicht das Geringste wahr.
»Sieht sehr gut aus«, bemerkte er zerstreut. »In irgendeiner Zeitung stand, es werde gegen vier Uhr aufhören zu regnen. Ich glaube, es war The Journal. Haben Sie alles, was Sie für – für so einen Tee brauchen?«
Ich führte ihn in den Anrichteraum, wo er die Finnin mit einem leicht vorwurfsvollen Blick bedachte. Gemeinsam begutachteten wir die zwölf Zitronentortenstücke aus dem Delikatessengeschäft.
»Ist das recht so?«, fragte ich.
»Natürlich, natürlich! Vollkommen!«, antwortete er und schob ein etwas tönernes »…alter Knabe« hinterher.
Der Regen ließ gegen halb vier nach und verwandelte sich in einen feuchten Dunst, durch den hier und da feine, taugleiche Tropfen trieben. Gatsby blätterte mit leerem Blick in Clays Economics, schrak zusammen, wenn der finnische Schritt den Küchenboden erschütterte, und spähte von Zeit zu Zeit zu den beschlagenen Fenstern, als trügen sich draußen eine Reihe unsichtbarer, aber alarmierender Begebenheiten zu. Schließlich stand er auf und teilte mir mit unsicherer Stimme mit, er gehe jetzt nach Hause.
»Warum das?«
»Weil niemand zum Tee kommt. Es ist zu spät!« Er schaute auf seine Uhr, als würde er an anderer Stelle dringend gebraucht. »Ich kann nicht den ganzen Tag warten.«
»Seien Sie nicht albern; es ist erst zwei Minuten vor vier.«
Kleinlaut setzte er sich wieder hin, als hätte ich ihn dazu genötigt, und im selben Augenblick hörten wir draußen das Geräusch eines in die Einfahrt biegenden Motors. Wir sprangen beide auf, und ich ging – inzwischen selber schon ein bisschen nervös – hinaus in den Garten.
Zwischen den tropfenden, kahlen Fliederbüschen kam ein großer offener Wagen den Weg
Weitere Kostenlose Bücher