Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Der Mann mit dem Fagott

Titel: Der Mann mit dem Fagott Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Udo Juergens , Michaela Moritz
Vom Netzwerk:
darauf kauen kann, so lange man will, und es dann aber nicht runterschluckt … Das kommt mir etwas seltsam vor, und ich mache mich nach einem fragenden Seitenblick zu meiner Mutter erst mal lieber über die Schokolade her, lasse sie mir genüßlich auf der Zunge zergehen. Ein lang vergessener, sehnsuchtsvoll vermißter, intensiver Geschmack, der plötzlich eine leise Ahnung von dem
wachruft, wie es »früher« gewesen sein mag, vor dem Krieg. Keine konkrete Erinnerung, aber ein plötzliches Lebensgefühl, das irgendwie mit Schokolade zusammenhängt. Dieses Schokoladengefühl vom Frieden …

Teilkapitulation
    4. Mai 1945. Fast drei Wochen ist es jetzt her, seit die Engländer und Kanadier Barendorf eingenommen haben. Es waren immer wieder Offiziere bei uns einquartiert. Manchmal haben wir mit mehr als 80 Personen im Haus gewohnt. Die britischen und kanadischen Soldaten waren zu uns Kindern meistens freundlich. Besonders die vielen Schwarzen in dieser Truppe haben Scherze mit uns gemacht, uns ein paar Brocken Englisch beigebracht, und vor allem kennen sie ganz herrliche Lieder. Einmal hatte der schwarze Riese, den ich zuerst gesehen hatte, von irgendwoher ein Akkordeon organisiert, und ich sollte ihm darauf vorspielen. Vor allem, wenn ich den amerikanischen Navy-Marsch gespielt habe, waren die Soldaten in ihrer Begeisterung kaum zu bremsen. Und am schönsten war es, wenn sie mir »Swing-Songs« vorgesungen haben, die bei uns bis jetzt natürlich verboten waren und die ich daher noch fast nicht kenne. Meistens singt einer der Soldaten mir etwas vor, schnippt im Rhythmus mit den Fingern, und ich probiere ein bißchen auf dem Akkordeon herum, versuche, die Melodie, die Harmonien und den Rhythmus zu kapieren.
    Die Soldaten haben mir manchmal Sonderrationen zugesteckt, die ich dann gleich zu meiner Mutter gebracht habe: Schokolade, Bonbons, aber auch Corned Beef und Cornflakes. Ich konnte mit der Musik richtig was verdienen, und ich habe beschlossen, daß Frieden, wenigstens in dieser Hinsicht, etwas ganz Tolles ist.
    Auch die Feuergefechte aus dem Wald, das Rasseln der Panzerketten und all das hat aufgehört. Nur manchmal hört man noch irgendwo Schüsse. Anscheinend wissen ein paar Soldaten noch nicht, daß der Krieg hier inzwischen vorbei ist.

    Das schlimmste in diesen Wochen war der Tag, an dem wir gehört haben, daß Joes Schulfreunde, die in dem Graben an der Dahlenburger Straße saßen und mit ihrer Panzerfaust die Alliierten aufhalten sollten, dabei umgekommen sind. Auch Karsten, der Joe hatte zum Volkssturm abholen wollen. Nur ein einziger von ihnen hatte eine Panzerfaust, die anderen Kinder hatten nur Gewehre. Die Soldaten im Panzer haben nur gesehen, daß sich etwas im Graben bewegt. Daß es Kinder sind, haben sie gar nicht wahrgenommen. Sie haben sofort geschossen. Was hätten sie sonst auch tun sollen, sagt meine Mutter und bekommt ein ganz zorniges Gesicht über die Dummheit derer, die Kinder in einen Graben gesetzt und von ihnen erwartet haben, daß sie die alliierten Panzer aufhalten können. Ein Glück, daß sie Joe davor bewahrt hat.
    Vor ein paar Tagen hat man dann im Radio gehört, daß Hitler im Kampf um Berlin an der Front gefallen ist und daß nun Großadmiral Karl Dönitz der neue Reichskanzler ist, und es war schon ein komisches Gefühl, zu hören, daß Hitler tot ist. Tante Rita hat zu Mami gesagt, es wäre besser gewesen, wenn die Alliierten ihn verhaften und vor ein Gericht hätten stellen können. Ich staune darüber, daß man jetzt plötzlich ganz offen über all so was sprechen darf.
    Einmal bin ich furchtbar erschrocken, weil unten im Salon plötzlich ganz grausige Photos an den Wänden hingen. Darauf waren ganz viele ausgemergelte Menschen in Sträflingskleidern mit ganz leeren Augen zu sehen. Und Berge von übereinander aufgeschichteten Toten, die bis auf die Knochen abgemagert waren. Die Soldaten haben die Bilder dorthin gehängt und gesagt, das seien Bilder aus dem befreiten Lager in Bergen-Belsen. Bergen-Belsen ist ganz nah bei Lüneburg, und wir haben schon manchmal gehört, daß es dort eine Art Straflager und Übergangslager für die großen Umsiedelungsaktionen geben sollte, aber daß sie dort so furchtbare Dinge mit Menschen gemacht, sie gefoltert und gequält und sogar umgebracht haben, wenn sie zu schwach zum Arbeiten waren, das kann ich einfach nicht glauben.
    Die Bilder waren schrecklich, aber meine Mutter und Tante Rita haben auch gesagt, daß das vielleicht nur Propaganda

Weitere Kostenlose Bücher