Der Mann mit dem Fagott
beunruhigt, werden sie nicht zögern, sofort zu schießen. Wir dürfen ihnen nicht den leisesten Grund bieten. Also müssen wir besonnen sein. Wir warten hier, sie werden uns finden, und dann sehen wir weiter. Wenn wir keinen Fehler machen, wird alles schon irgendwie gutgehen.«
Dann setzt sie sich zu Joe und mir auf den Kohlenhaufen.
Von oben hört man ganz laut einen Panzer, der wirklich direkt
vor unserer Haustür sein muß. Man hört, wie eine Tür eingetreten wird. »Is anyone in here?« Dann überdeutlich die schweren Schritte von Militärstiefeln. Immer wieder das Geräusch von eingetretenen und aufgestoßenen Türen. Einmal sogar ein Schuß. Wahrscheinlich haben sie gedacht, daß da irgend jemand im Hinterhalt sei. Eine der fremden Frauen kreischt auf.
Sie sind direkt über uns. Die Decke bebt unter ihren Schritten. Ich halte die Hand meiner Mutter und die von Joe, der ganz ruhig ist. Eigentlich finde ich das alles ja spannend und habe überhaupt keine Angst. Und was meine Mutter in die Hand nimmt, wird sicher gutgehen. Sie weiß einfach immer, was gerade zu tun ist.
Jetzt sind sie auf der Kellertreppe. Man hört es ganz deutlich. Sie kommen herunter. Die Tür neben dem Raum, in dem wir sind, wird aufgestoßen. »Is anyone there?«
Dann unsere. Ein entschlossener Tritt, eine auffliegende Tür, ein Riese steht vor uns. Schwarz, breitschultrig, muskulös, in voller Kriegsuniform, das Gesicht verschmiert, ein Schrank von einem Mann, so groß, wie ich noch nie in meinem Leben einen Menschen gesehen habe. Zweige auf dem Helm, das Maschinengewehr im Anschlag. Wir starren ihn an.
»Ein Neger!« flüstere ich ängstlich-fasziniert in Joes Ohr und bin ganz aufgeregt, weil ich endlich einen in echt sehe und nicht nur auf den Bildern im Rassenkundebuch.
»Hands up!«
Wir nehmen alle die Hände nach oben, sogar Manfred macht begeistert mit, als wäre es ein Spiel.
Hinter dem Schwarzen treten noch andere Soldaten ein. Dahinter kommt ein Offizier.
»Das sind Kanadier«, flüstert Joe mir zu. »Die kämpfen unter britischer Flagge.«
Wir werden flüchtig durchsucht, aber es scheint ihnen sehr schnell klar zu sein, daß von den Frauen und Kindern und dem einzigen alten Mann im Raum keine Gefahr droht. Der Schwarze nimmt seine Maschinenpistole runter, während er mit meiner Mutter und Tante Rita auf Englisch spricht. Sie übersetzen alles, was besprochen wird, für die anderen im Raum.
Wir werden Einquartierungen bekommen, und vorerst darf niemand das Haus verlassen. Wir müssen uns zur Verfügung halten
und Zimmer frei machen. Außerdem wird man natürlich unsere Namen erfassen, und falls wir Waffen im Haus haben sollten, müssen wir sie abgeben. Onkel Gert muß sich, wenn er zurück ist, melden. Man wird uns Bescheid sagen, was mit uns und mit dem Haus geschieht.
Wir werden nach oben eskortiert, man will das Haus ganz genau durchsuchen und die Anzahl der Räume und der Bewohner festlegen und all so was. Als wir oben ankommen, traue ich meinen Augen nicht: Ein Panzer steht wirklich direkt vor, eigentlich schon in unserer Eingangstür, wahrscheinlich damit keiner mehr raus oder rein kann. Das Kanonenrohr ragt ein Stück weit durch die offene Tür ins Haus.
Die Erwachsenen müssen ihre Papiere abgeben.
»Young men, you look soooo tired«, sagt auf einmal die schwarze Omi mitfühlend zu den Soldaten, und der Schwarze grinst so breit, wie ich bestimmt noch nie in meinem Leben jemanden grinsen gesehen habe. Es ist ein schönes, strahlendes Lachen, und er hat ganz unbeschreiblich schöne weiße Zähne. Wieso die schwarze Omi auf einmal englisch kann, weiß ich nicht, aber die Soldaten scheint es zu freuen, und der Schwarze beginnt Mischas und Manfreds Kopf zu tätscheln. Die beiden haben sich am schnellsten von uns Kindern in seine Nähe gewagt. Einer der Soldaten fragt offenbar nach unseren Namen, denn meine Mutter beginnt, die Kindernamen aufzuzählen. Der Schwarze versucht sie nachzusprechen, was besonders bei »Jürgen« offenbar gar nicht einfach für ihn ist. Dafür geht »Joe« ihm ganz besonders gut über die Lippen, und er wiederholt den Namen immer wieder ganz begeistert und strahlt meinen Bruder an. Dann greift er in die Tasche seiner Uniform und holt »some sweets« heraus, wie er sagt, verteilt Schokolade, Bonbons und etwas seltsam Neues an uns, was er »Tschuing Gam« oder so ähnlich nennt und amüsiert sich köstlich darüber, daß wir dieses zähe Etwas nicht kennen. Er macht uns vor, daß man
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