Der Mann mit dem Fagott
gesehen habe. »Was soll das? Habt ihr noch nicht gemerkt, daß der Krieg vorbei ist!«
Gert hält sie zurück. »Das bringt doch nichts. Die suchen Ärger. Das sind nur Besatzungstruppen, die haben keinen einzigen Kampf gekämpft und führen sich jetzt auf, als hätten sie den Krieg gewonnen! Auch das wird vorbeigehen.«
»Nazischweine!« ruft einer der Belgier, die alle ganz gut, aber mit hörbarem Akzent Deutsch sprechen, und wir gehen raus, kümmern uns lieber wieder um unsere Arbeit.
Manche Soldaten sitzen immer noch auf ihren Militär-LKWs, rauchen, trinken, andere laufen im Park herum, trampeln durch Beete, einer pinkelt an die Hauswand, und alle scheinen sich über das Chaos bei uns richtig zu freuen.
Die zwei Stunden sind beinahe um. Nur noch fünf Minuten.
»Teppiche. Wir sollten noch Teppiche haben!« ruft meine Mutter plötzlich. »In den Wirtschaftsgebäuden und Scheunen ist es kalt auf dem Boden.«
Joe und ich rennen ins Haus und rollen zwei der Teppiche von oben zusammen, klemmen uns das Bündel unter den Arm.
»Moment!« Ich lasse mein Ende noch einmal los und hole den Mann mit dem Fagott. »Den hätten wir beinahe vergessen!«
Joe sieht mich etwas genervt an, sagt aber nichts, und wir beginnen, vorsichtig die Treppe hinunterzugehen. Ich voraus. Die Uhr in der Diele zeigt deutlich, daß wir noch zwei Minuten Zeit haben. Doch als ich unten um die Ecke biege, starre ich plötzlich in den Lauf einer gezogenen Pistole.
»Stop!« schreit mich ein völlig betrunkener belgischer Soldat an. Ich bleibe verstört stehen.
»Verdammt, was ist denn?« ruft mein Bruder von oben, läßt sein Teppichende los und kommt nachsehen.
»Die zwei Stunden sind um, ihr seid Diebe!« sagt der Belgier, »Und wißt ihr, was wir mit Dieben machen?«
Er genießt unsere Angst, wartet ein paar Sekunden und sagt dann mit schwerer Zunge: »Wir erschießen sie natürlich.«
Dann lacht er grölend und schießt in die Decke. Der Schuß ist ein dröhnender Schmerz in meinem Ohr, das in den letzten Tagen wieder sehr weh tut. Putz rieselt auf uns herunter.
Ein anderer Belgier hält den, der uns bedroht, zurück. »Laß sie!« Und zu uns gewandt sagt er: »Nehmt den blöden Teppich, verschwindet und laßt euch hier nicht mehr blicken!«
Der Tod des Kollaborateurs
»Nein, bitte nicht!« Der an das Stalltor auf unserem Hof gebundene Mann windet sich unter Schlägen, die mit Knüppeln und Gewehrkolben überall auf seinen Körper niedergehen. Der Körper des Mannes fliegt immer ein kleines Stück weit auf die eine oder andere Seite, fällt hart in die Fesseln, bekommt den nächsten Schlag und Tritte. Zwischendurch setzen die Soldaten Schnapsflaschen an und nehmen einen kräftigen Schluck.
Wir sind durch lautes Geschrei auf das Geschehen aufmerksam geworden. Es sind auch Schüsse gefallen, ein paar belgische Soldaten haben den Mann offenbar im Wald aufgegriffen, gefesselt, ihn mit Tritten auf unseren Hof gebracht und an das Tor gebunden.
»Das ist wahrscheinlich ein Kollaborateur«, erklärt mir Joe. »Ein Ausländer, der für die Deutschen gekämpft hat.« Der Mann trägt auch tatsächlich eine deutsche Uniformhose. Das Hemd hängt ihm in Fetzen vom Körper. Joe und ich sitzen hinter einem Gebüsch, nicht sehr weit vom Geschehen entfernt. Einer der Peiniger ist der Soldat, der uns, als wir den Teppich geholt haben, mit der Waffe bedroht und in die Decke geschossen hat.
Auf einmal nähert sich Tante Rita ganz aufgeregt und schreit irgendwas vom Aufhören, doch der eine Belgier hält ihr nur seine Schnapsflasche entgegen, prostet ihr zu, »A votre santé, Madame«, und erklärt ihr irgendwas von Nazischwein. Der zweite richtet drohend seine Waffe auf sie. Sie rennt davon.
Plötzlich kommt noch ein weiterer Soldat dazu. Es ist derselbe, dem Manfred gestern seinen Keks geschenkt hat. Er hat ein Stück Stacheldraht an einen Stock gebunden, um sich selbst nicht zu verletzen und schlägt damit auf den Gefangenen ein. Sofort ist überall Blut. Es spritzt mit jedem Schlag aus der aufgerissenen Haut. Der Mann schreit vor Schmerzen, wie ich noch nie in meinem Leben jemanden schreien gehört habe. Ich schlage meine Hände vors Gesicht. Wie durch Zwang schaue ich aber doch durch die Spalten zwischen meinen Fingern, und ich merke, daß auch Joe zittert und daß er ganz weiß im Gesicht ist.
»Hör auf zu winseln, du Schwein!« brüllt einer der Soldaten sein Opfer an und versetzt ihm den nächsten Hieb. Der Mann schreit. Die Peiniger
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