Der Mann mit dem Fagott
aber mit den wenigen Medikamenten, der katastrophalen Ernährung und den unvorstellbaren hygienischen Verhältnissen im Gefängnis läßt sich da auch mit ärztlicher Kunst nicht sehr viel ausrichten. Rudi weiß ganz genau: Wenn es noch lange dauert, bis die Alliierten kommen oder bis Wallner es wenigstens durchsetzen kann, ihn in ein Krankenhaus bringen zu lassen, könnte es für ihn zu spät sein.
Wenn nur dieses penetrante Osterglockenläuten endlich aufhören würde, dieser Irrsinn vom fröhlich bimmelnden Osterfest in diesen Tagen! Allein die Vorstellung, daß nur wenige Meter von ihm entfernt ahnungslose Klagenfurter Bürger beim Osterspaziergang sind, bringt Rudi fast um den Verstand. Er hält sich die Ohren zu und weiß doch genau, daß das auch nichts nützt.
Lange Zeit hat er sich im Gefängnis dringend ein Buch, irgendeine geistige Anregung gewünscht, aber dafür wäre er inzwischen viel zu geschwächt. Lange Zeit hat er sich bemüht, täglich so oft wie möglich in der Zelle auf und ab zu gehen, während die anderen auf ihren Pritschen lagen, um die körperliche Kraft nicht völlig zu verlieren, und hat dies seinen »Spaziergang« genannt. Doch inzwischen ist er froh, wenn er den Gang von seiner Pritsche bis zum Eimer schafft.
Und dann die Ungeziefer. Er sucht seinen Körper nach Läusen und anderem Getier ab und empfindet beinahe schon keine Abscheu mehr dabei.
»Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …« Rudi rezitiert im Geiste den berühmten »Osterspaziergang« aus »Faust«, eine der Lieblingsstellen seines Vaters. Ob er wohl inzwischen beerdigt ist?
»Im Tale grünet Hoffnungsglück; der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in rauhe Berge zurück …« Weiter kommt er nicht mehr. Er hätte den Text noch vor ein paar Wochen im Schlaf hersagen können, und jetzt kommt er über die ersten Zeilen nicht mehr hinaus.
Wallner wird wieder zu einem Gefangenen geholt. Immer öfter kommt es jetzt vor, daß der Arzt gebraucht wird: Gefangene mit schweren Krankheiten oder Verletzungen, zum Teil mit Schußwunden, die von ihrer Verhaftung her stammen, andere, die aus den Folterkellern kommen.
»Sie haben eine perfide Art zu foltern«, hatte Wallner seinen Zellengenossen berichtet. »Sie lassen die Gefangenen mit den Armen ihre Knie umfassen, fesseln dann ihre Hände, stecken einen Stock zwischen Knien und Armen durch und legen die armen Teufel in dieser gekrümmten Haltung für Stunden auf dem Rücken auf den Boden. Die Schmerzen sind unvorstellbar, und die Folgen ebenfalls. Oder sie schlagen mit Sandbeuteln und ähnlichem auf ihre Opfer ein, das ist von außen nicht zu sehen, führt aber zu schwersten inneren Verletzungen.« Mehr als einer sei danach schon innerlich verblutet, und er, Wallner, habe nur danebensitzen und versuchen können, mit Aspirin die schlimmsten Schmerzen zu lindern, was natürlich absolut lächerlich sei.
Insgesamt schien mit der Angespanntheit der kriegerischen Lage in den letzten Wochen auch die Gereiztheit und die Gewaltbereitschaft der Wärter und Kommissare zugenommen zu haben. Rudi nimmt es mit Besorgnis zur Kenntnis: Irgendetwas würde sicher mit den Gefangenen geschehen, bevor die Alliierten kamen, und die wahrscheinlichste Vorgehensweise schien ihm diejenige zu sein, an die er gar nicht denken mochte. Sie würden sich natürlich ihrer »Zeugen« entledigen wollen. Gedacht hatte das sicher schon jeder hier in der Zelle, aber ausgesprochen hatte es bisher noch keiner.
Voralarm. Wenigstens hört jetzt das Ostergebimmel auf. Ansonsten fühlt Rudi schon lange nicht mehr viel dabei. Manchmal hat einer von ihnen das Fenster erklommen und versucht, irgendetwas zu erspähen. Manchmal konnte man sehen, wie die Bomben ausgeklinkt wurden, und es wurden Vermutungen angestellt, welcher Stadtteil getroffen werden würde. Meistens aber legten sie sich nur hin, schwiegen oder phantasierten gemeinsam, in einem Luxusrestaurant zu sein mit Kerzenlicht, Klaviermusik und vor allem Essen, unter dem sich die Tische bogen. Einer von ihnen mimte den Oberkellner, es wurden Chateau Briand und Kaviar und Rehrücken bestellt, es wurde »serviert« und diniert und Wein getrunken und das Leben genossen, und man überbot sich in den »Ahs« und »Ohs« über die Feinheit des Fleisches, den herrlichen Wein und nannte die Zelle fortan nur noch »Hotel Moser« nach dem besten Hotel und Restaurant der Stadt, in dem Rudi in besseren Zeiten gerne zu Gast gewesen war. Galgenhumor, der die letzten
Weitere Kostenlose Bücher