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Der Mann mit dem Fagott

Titel: Der Mann mit dem Fagott Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Udo Juergens , Michaela Moritz
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zusammenhalte.
    Und Jürgen hatte voll Sehnsucht nach seiner Heimat geschrieben und daß er, Rudi, bald nach Norddeutschland kommen und sie nach Hause holen solle. Und Manfred sei immer ganz fröhlich, und wenn man ihm ein Bild von Rudi zeigt, dann strahlt der Kleine angeblich über das ganze Gesicht und sagt: »Mapapa.«
    Selbst der kleine Manfred hatte ihn also noch nicht vergessen, und Rudi muß immer wieder an die Gespräche mit seinem Vater Heinrich denken, in denen er ihm von der Zeit in der Verbannung in Wjatka erzählt hatte und davon, wie sehr ihn damals der Gedanke gequält habe, Johnny, der Jüngste, der damals gerade mal eineinhalb Jahre alt gewesen war, könne ihn in der Zeit der Trennung vollkommen vergessen haben.
    Langsam wird es Abend. Prester ist immer noch nicht zurück. In der letzten halben Stunde war auf dem Gang ungewöhnlich viel los gewesen für einen Sonntagabend, an dem man sonst normalerweise so gut wie gar nichts hörte. Immer mehr Leute schienen gekommen zu sein. Man hatte Schritte gehört, Stimmen, ab und zu sogar ein Lachen, die Tür des Wärterzimmers schräg gegenüber, die sich immer wieder geöffnet und geschlossen hatte. Was hatte das wohl zu bedeuten?
    Eine Weile ist es still. Rudi braucht Wallners Hilfe, seine Krämpfe lassen seinen ganzen Körper erzittern. Er krümmt sich vor Schmerzen.
    Auf einmal draußen, auf dem Gang, wieder ganz und gar ungewöhnliche Geräusche: Schritte von Damen in hochhackigen Schuhen.
Das war, seit Rudi hier einsaß, überhaupt noch nie vorgekommen. Alle lauschen still. Plötzlich erklingt Musik. Ganz leise, aber doch gut hörbar. Rudi glaubt zuerst, einer Phantasie zu erliegen, Opfer seiner Fieberanfälle zu sein, aber die anderen hören es auch. Aus der Wärterzelle ertönt tatsächlich Tanzmusik: »Tango Nocturno«. Rudi und die anderen können es kaum fassen. Offenbar findet im Wärterzimmer eine kleine Osterparty mit Damenbesuch und Tanzmusik statt.
    Die Gefangenen lauschen, dann verbeugt sich Förner vor Wallner. »Darf ich bitten?«
    Und an diesem Osterabend 1945, in der menschenverachtenden Welt dieser erbärmlichen Gestapozelle, beginnen Förner und Wallner tatsächlich, einen Tango zu tanzen: zwei unrasierte, dünn gewordene Männer mit ungewisser Zukunft erklären den Zellenboden zum Ballparkett und wiegen sich im Rhythmus eines argentinischen Tangos. Vor Rudis Augen entsteht ein Bild, an dem er sich festhält, das ihm einen Funken Hoffnung und Lebensmut schenkt: Er und Käthe, irgendwann nach dem Krieg, irgendwo in einer Tanzbar, ein Orchester spielt, und sie tanzen den »Tango Nocturno«.

Führers Geburtstag
    20. April 1945, Führers Geburtstag. Förner erhebt sich von seiner Pritsche. Er tut so, als hätte er ein Glas in der Hand. Den Arm nach alter preußischer Offizierssitte angewinkelt, die Hacken zusammengeschlagen bringt er seinen Toast aus: »Meine Damen und Herren - auf unseren Führer Adolf Hitler, der uns dieses wunderbare und einzigartige Leben ermöglicht«, und er zitiert die traditionellen Worte aus der alljährlichen Geburtstagsansprache von Goebbels: »Möge er uns immer bleiben, was er uns immer war und ist: unser Hitler!« Alle prosten zurück. Sarkastisches Lachen.
    Rudis körperlicher Zustand hat sich inzwischen ein wenig gebessert. Er war ein paar Tage ins Gefängniskrankenhaus verlegt und
dort behandelt worden. Tage, die ihm wie das Paradies erschienen waren: ein richtiges Bett, Essen, das seinem geschwächten Körper guttat, die Möglichkeit, von Krankenhauspersonal in den Garten begleitet zu werden, sich rasieren und baden zu können.
    In der Zelle haben sie inzwischen wieder Zuwachs bekommen: ein Sechzehnjähriger, den sie als Deserteur verhaftet haben; ein schmaler, feingliedriger Junge, fast noch ein Kind, der sich den Krieg als eine Art Abenteuerspiel vorgestellt und sich freiwillig gemeldet hatte. Als er dann tatsächlich an die Front kam, ergriff ihn Panik
    »Diese Nächte im kalten, nassen Schützengraben, nur zum Essenfassen für ein paar Minuten raus, und natürlich immer wieder Beschuß. Dieser ständige Lärm, diese ewige Angst, die Kälte und Nässe, das macht einen verrückt«, erklärt der Junge. Dann der Tag, an dem sein gleichaltriger Kamerad auf dem Weg zum Essenfassen erschossen worden war, weil man keinen vernünftigen Versorgungsgraben hatte anlegen können. Der Anblick des Blutes, das plötzlich überall war, das Stöhnen und Zittern, die entsetzten Augen, bis er endlich starb. Da war der

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