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Der Mann mit dem Fagott

Titel: Der Mann mit dem Fagott Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Udo Juergens , Michaela Moritz
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in Gemeinschaftsverpflegung stand.« Und man händigt ihm Lebensmittelmarken für die ganze Woche aus.
    Dann steht er auf der Straße, die in gleißendes Sonnenlicht getaucht ist. Einen Augenblick lang sieht er sich ratlos um, kann es selbst noch nicht fassen, daß er jetzt frei ist, hingehen kann, wohin auch immer er will, als er plötzlich Maria Maric und Hansl Voith erblickt, die auf der anderen Straßenseite stehen, um ihn abzuholen. Hansl Voith hat Tränen in den Augen.
    »Wo soll’s hingehn, Chef?« fragt er mit erstickter Stimme.

    »Nach Hause«, antwortet Rudi und kann sein Glück kaum begreifen, als der Wagen sich in Bewegung setzt, Ottmanach entgegen.

Ende und Anfang
    8. Mai. 1945. Früher Vormittag. Rudi ist seit ein paar Wochen in Freiheit. In Kärnten herrscht eine merkwürdige Atmosphäre der Angespanntheit: Noch immer ist hier der Krieg nicht beendet. Die politischen Häftlinge sind in den letzten Tagen alle entlassen worden, die Bewacher haben sich, soweit sie es konnten, abgesetzt. Manch einer hat Selbstmord begangen, andere tragen Zivilkleidung und erklären sich in diesen letzten Stunden und Tagen zum Widerstandskämpfer. Immer noch aber kann es geschehen, daß man von einem Gestapo-Beamten aufgegriffen und grundlos erschossen wird. Klagenfurt ist gespenstisch ruhig. Die Menschen bleiben in diesen Tagen lieber zu Hause und warten. Überall liegt herrenloser Besitz herum. Überall Spuren der Auflösung. An Straßenecken Haufen von weggeworfenen Waffen und Stahlhelmen. Verlassene Geschäfte und geplünderte Häuser.
    Die letzten Tage haben Rudi und sein ehemaliger Zellengenosse Prester damit verbracht, Presters Funkkenntnisse zu nutzen, um Kontakt zu dessen in Italien stationierten alliierten Einheiten aufzunehmen und ihnen einen Informationsvorsprung über die Lage Kärntens zukommen zu lassen. Man hat sie eindrücklich gebeten, Kärnten einzunehmen - bevor die Russen kommen. Vor ein paar Tagen haben sie sogar eine jugoslawische Aufklärungstruppe aus dem Land gedrängt, indem sich Rudi und Prester mit improvisierten alliierten Uniformen und einem alten Kübelwagen, auf den sie »US-Army« gepinselt hatten, als West-Soldaten ausgegeben und den Jugoslawen erklärt haben, Kärnten sei bereits von den Westmächten besetzt worden. Verdutzt waren die Jugoslawen tatsächlich abgezogen, aber noch einmal würde das nicht funktionieren. Rudi kann nichts anderes mehr tun, als abzuwarten und zu hoffen.
Und wie es um seine Familie in Barendorf und seinen verschollenen Bruder Johnny steht, weiß er auch noch nicht: Die Telefonverbindungen sind nach wie vor tot, und ob Post durchkommt, ist mehr als fraglich.
    Wenn es doch nur endlich vorbei wäre und man nach vorne blicken könnte! Rudi fühlt eine Nervosität, die ihm eigentlich völlig fremd ist. Die Ungewißheit der Zukunft läßt die Gegenwart in Wartestellung fast sinnentleert erscheinen. Er weicht einem Fußgänger aus, hält dann, einem plötzlichen, unbestimmten Gefühl, einem seltsamen Geräusch folgend, das er nicht gleich zuordnen kann, am Straßenrand an und glaubt, seinen Augen und Ohren nicht zu trauen: Rasselnd und dröhnend nähert sich ihm ein Panzerverband. - Und es sind Panzer der britischen Truppen!
    Kein Widerstand aus der Bevölkerung, keine Schußwechsel in der Stadt, aber auch keine Fanfarenzüge und kein Jubelgeschrei. Eine Art Erschöpfung und Fatalismus scheint die Menschen in diesen letzten Tagen zu beherrschen.
    Rudi bleibt einige Minuten lang regungslos in seinem Wagen sitzen. Es ist vorbei, tönt es in seinem Kopf. Und es ist gutgegangen. Er hat soeben in diesem kleinen, beinahe unbedeutenden Augenblick den Anbruch einer neuen Zeit erlebt, und dieser Augenblick würde alles verändern. Für immer. Hoffentlich zum Guten! Erleichterung und Nachdenklichkeit beherrschen ihn gleichermaßen und lassen ihm die Tränen über die Wangen laufen. Wenn er diesen Moment doch nur mit seiner Familie teilen könnte!

12. KAPITEL
    Lüneburg, März bis Mai 1946

Kriegstod im Frühling des Friedens
    »Verbinden Sie mich bitte mit meinem Bruder Rudi in Ottmanach!« Werner Bockelmann lehnt sich, nachdem er seiner Sekretärin den Auftrag gegeben hat, in seinem Schreibtischstuhl zurück und wartet auf das Klingeln des Telefons, genießt die paar Augenblicke der Ruhe, die in seinem neuen Amt selten sind.
    Es ist der 29. März 1946. Beinahe ein Jahr ist seit Kriegsende vergangen. Es sind schwierige Umstände, unter denen Werner Bockelmann auf Bitte der

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