Der Medicus von Heidelberg
nicht gebraucht, dafür die Unterstützung durch hilfreiche Hände. So kam es, dass Säckler, der stets Eifrige, an diesem Tag mehr Schaubilder als je zuvor in die Höhe halten musste.
De Berka referierte über die Muskeln, die Sehnen und die Bänder, ging die am häufigsten auftretenden Krankheiten durch und definierte sie nach den Merkmalen feucht, trocken, warm und kalt.
Er nannte Literatur, aus der er zitierte und die er uns zum Lesen anempfahl.
An weiteren Tagen besprach er mit uns die Speisen des täglichen Bedarfs, ebenfalls nach den Merkmalen feucht, trocken, warm und kalt, denn jede Speise, die wir zu uns nehmen, kann gleichzeitig – je nach Menge und Häufigkeit des Genusses – als Arznei wirken. Eine als warm geltende Speise wie der Leinsamen kann gegen eine als kalt geltende Krankheit wie den Krebs zur Anwendung kommen, ein als kalt geltender Pfefferminzaufguss gegen einen als warm geltenden Magenkrampf und so weiter. Es war eine umfassende Speisenkunde, die er mit uns betrieb. Doch bei allen seinen Lektionen kam eines zu kurz: die Sektion am menschlichen Leib in Ermangelung von Leichen. Aber das sollte sich bald auf erschreckende Weise ändern …
Es war am siebzehnten Mai, einem Samstag, als es überraschend hieß, der Unterricht von Professor de Berka müsse leider ausfallen, der Ordinarius fühle sich nicht wohl. Obwohl de Berka sehr beliebt war, löste die Nachricht große Freude aus, und die Studiosi verließen lachend und lärmend den Kleinen Hörsaal. Einer von ihnen – es war sicher nicht der dienstbeflissene Säckler – rief: »Freunde, das Wetter ist weder feucht noch trocken noch warm noch kalt, es riecht nach Frühling und nach leichtgeschürzten Meidlin!«
Ich wollte ihnen zunächst folgen, doch dann zögerte ich. Ich hatte einen medizinischen Sammelband dabei, den mir de Berka aus seinem persönlichen Bestand zur Lektüre überlassen hatte. Er war von Pedanios Dioskurides, einem griechischen Militärarzt, der unter den römischen Kaisern Claudius und Nero gedient hatte, und hieß
De materia medica,
»Über Arzneimittel«. Ich hatte ihn de Berka nach der Unterrichtsstunde zurückgeben wollen und überlegte, was zu tun sei. Kurz entschlossen lenkte ich meine Schritte in die Pergamentergasse, wo sich sein stattliches Anwesen befand. Ich klopfte, doch niemand öffnete. Das war seltsam. Ich ging ins Haus und sah mich um. Niemand von den Bediensteten ließ sich sehen. Ein ungutes Gefühl beschlich mich. Ich schaute nacheinander in alle Räume, bis ich schließlich in einem großen Zimmer, dessen Fenster nach hinten zum Hof hinauswiesen, meinen Lehrmeister fand. De Berka lag in einem prächtigen Pfostenbett, die Decke bis zum Kinn, und starrte mir aus fieberglänzenden Augen entgegen. »Nufer«, begrüßte er mich mit vorwurfsvoller Stimme, »Ihr hättet nicht kommen sollen, nur weil mich ein Wehwehchen plagt.«
Ich wollte näher treten, doch er ließ es nicht zu. »Bleibt, wo Ihr seid. Ich weiß, Ihr meint es gut, aber es ist nicht nötig, sich um mich zu kümmern. Eine Affektion der Stirnhöhle kommt von selbst und geht von selbst.«
»Erlaubt wenigstens, dass ich Euch den Dioscurides zurückgebe«, sagte ich. »Er war sehr lehrreich. Unter anderem steht darin, dass mit einem Krankheitsbefall der Stirnhöhle nicht zu spaßen ist.«
»Ach, der Dioscurides. Was weiß so ein militärischer Knochenflicker schon!«
Die Antwort wunderte mich, denn als de Berka mir das Werk auslieh, war er noch voll des Lobes über den Inhalt gewesen. Mit Begeisterung hatte er erwähnt, dass der Band nahezu tausend verschiedene Arzneimittel aus dem pflanzlichen, tierischen und mineralischen Bereich aufführe, jeweils in Verbindung mit den sich daraus ergebenden Anwendungen, die um ein Vielfaches höher lägen.
»Seid Ihr sicher, dass Ihr alles habt, was Ihr braucht, Herr Professor?«, fragte ich, während ich das Werk auf ein neben dem Bett stehendes Tischchen aus Rosenholz legte.
»Ja, sicher. Danke für das Buch.« De Berka unterbrach sich, denn ein Zittern durchlief seinen Körper. »Nur eine kleine Schwäche, nichts weiter«, murmelte er, als er mein besorgtes Gesicht sah. »Und kommt mir besser nicht zu nahe, ich fürchte, ich habe ansteckende Miasmen in mir. Geht jetzt, und Gott befohlen.«
»Gewiss, wie Ihr wünscht.« Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich meinen Lehrmeister verlassen durfte, denn er machte beileibe keinen guten Eindruck, aber da er mich nahezu schroff verabschiedet
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