Der Medicus von Heidelberg
Luther ist?«, fragte ich stattdessen.
»Der hat die Kutsche nach Gotha genommen, zusammen mit ein paar anderen. Ich glaube, er wollte sich da Bücher kaufen, juristische Werke, soviel ich weiß.« Die Erleichterung, dass seine Schluckmadonna, die allgemein als Zeichen der Zauberei und Ketzerei galt, nicht mehr Gegenstand des Gesprächs war, stand Rotenhan ins Gesicht geschrieben.
»Soso, nach Gotha wollte er«, wiederholte ich. Mir fiel ein, dass Luther dort einen gewissen Mutianus Rufus besuchen wollte, um Verbindung zu ihm aufzunehmen, denn Rufus galt als einer der einflussreichsten Humanisten weit und breit. Dass Luther nebenbei noch Bücher kaufen wollte, mochte stimmen. Vielleicht konnte er auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. »Nach Gotha sind es nur achtzehn, höchstens zwanzig Meilen«, überlegte ich laut. »Wieso fuhr die Kutsche denn schon vor Mittag?«
»Das weiß ich nicht.«
»Nun, es spielt auch keine Rolle. Hauptsache, Luther und die Brüder sind außerhalb der Stadt. Da kann ihnen nichts passieren.«
»Ich bete für sie, dass sie gesund bleiben«, sagte Rotenhan eifrig.
»Tu das«, sagte ich. »Deine Schluckmadonna brauchst du dazu nicht.«
Schnapp und ich gingen über die leeren Gänge zurück zu meiner Kammer. »Es scheint, als hätte die Pest alles zum Schweigen gebracht«, sagte ich, während ich die Tür aufstieß. »Komm, mein Großer, wir setzen uns erst einmal. Ich muss nachdenken, was zu tun ist.«
Ich ging zu meinem Tisch, ließ mich nieder und stützte die Ellbogen auf die leere Tischplatte. Eine Zeitlang verharrte ich so, gedankenschwer. Dann fiel mir auf, dass mein Tisch genauso leer war wie das Rosenholztischchen neben dem Bett meines kranken Professors. Das erschien mir seltsam. Ein Patient hatte stets irgendwelche Arzneien, Schüsseln oder Tücher um sich, die von den ihn Pflegenden eingesetzt wurden. De Berka jedoch schien nicht versorgt zu werden. Kein Wunder bei dem leeren Haus. Wo waren sie geblieben, die Familie und die Dienerschaft? Hatte ihr Herr sie fortgeschickt? Und wenn ja, warum?
So kam ein Gedanke zum anderen, und den Rest reimte ich mir zusammen. Ich stand auf und packte meine geringe Habe zu einem Bündel. Dann schulterte ich es und sagte zu Schnapp: »Komm, mein Großer, gleich werde ich deine Hilfe brauchen.«
Wie erwartet, stellte sich Kaspar uns in den Weg. »Ihr könnt das Gelände nicht verlassen, Herr Magister!«, rief er.
»So, kann ich das nicht?«, fragte ich gedehnt. »Wenn du dich da mal nicht irrst.« Ich wich zurück und tat so, als griffe Kaspar mich an. »Schnapp, hilf mir!«
Schnapp machte einen Satz vorwärts, sprang an Kaspar hoch, knurrte und fletschte furchteinflößend die Zähne.
Kaspar stieß einen Angstschrei aus.
»Kann ich das Gelände jetzt verlassen?«, fragte ich.
Kaspar schluckte.
»Komm, mein Großer.« Unbehelligt verließen wir die Burse, ohne zu ahnen, dass wir lange Zeit nicht zurückkehren würden.
Als ich wieder an de Berkas Bett stand, war dieser in einen unruhigen Schlaf gefallen. Er atmete schwer und warf sich von einer Seite auf die andere. Sein Gesicht war nass vor Schweiß. Ich legte mein Bündel ab und wollte mich auf den Bettrand setzen, um ihn zu untersuchen, doch de Berka war wach geworden. »Da seid Ihr ja schon wieder«, fuhr er mich an. »Kommt mir ja nicht zu nahe!«
»Wegen der Affektion Eurer Stirnhöhle?«, fragte ich.
»Ja, sie ist sehr ansteckend.«
»Davon habe ich bei Dioscurides nichts gelesen. Er empfiehlt in diesem Fall viel Flüssigkeit, darüber hinaus Kopfdampfbäder und Inhalationen. Auch schadet es nicht, die Nase mit einer Salzlösung zu spülen.«
»Ich brauche von alledem nichts.«
»Das mag sein«, sagte ich, »weil Ihr in Wahrheit gar keine Affektion der Stirnhöhle habt.«
»Wie könnt Ihr es wagen …!«
»Ihr habt die Pest. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht gleich daraufgekommen bin. Das leere Haus, die fehlenden Menschen, Eure selbstbestimmte Abgeschiedenheit. Doch Euch muss geholfen werden. Deshalb bin ich da.«
»Ihr seid verrückt, Nufer.«
»Ich bin ohne Furcht, das ist alles. Wir sind alle in Gottes Hand. Wenn er uns abruft, müssen wir gehen, ruft er uns nicht, dürfen wir bleiben. Im Übrigen habe ich schon weitaus schlimmere Situationen durchgestanden.«
»Was kann das schon sein.«
»Ich möchte nicht darüber reden. Jetzt nicht. Vielleicht später einmal.«
»Warum tut Ihr das für mich?«
»Einer muss es ja tun.«
»Das
Weitere Kostenlose Bücher