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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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genügt mir als Antwort nicht.«
    Ich schaute de Berka in die blutunterlaufenen Augen. »Nun, wenn Ihr es genau wissen wollt: Ihr habt mir geholfen, das Kopffieber zu besiegen. Ohne Euch wäre ich lange tot. Und Ihr habt mir etwas geschenkt, das unbezahlbar ist. Dafür möchte ich mich erkenntlich zeigen.«
    »Was sollte das sein?«
    »Wissen, Herr Professor.«
    De Berka stöhnte.
    »Ich will Euren Leib näher in Augenschein nehmen und Euch behandeln.«
    »Versteht Ihr denn etwas von der Pest? Wenn ich mich nicht irre, habe ich darüber noch keine Lektion abgehalten.« Trotz seines erbarmungswürdigen Zustandes gelang es de Berka, ein schiefes Lächeln aufzusetzen.
    »Ich weiß, dass es tausend Therapien gibt.« Ich hielt inne, dann beschloss ich, die brutale Wahrheit auszusprechen, denn sie war de Berka als Arzt genauso bekannt wie mir. »Tausend Therapien, aber keine Heilungsmöglichkeit. Dennoch hört man immer wieder, dass mit Gottes Hilfe einer von hundert Kranken überleben kann.«
    »Und der soll ausgerechnet ich sein.«
    »Wenn Gott es will, wird es so sein.«
    »Dann betet für mich.« De Berka wollte sich zur Seite drehen und das Gespräch beenden, doch ich ließ es nicht zu. Ich schlug die Decke zurück und betrachtete ihn. Als Leibwäsche trug er nicht mehr als eine Leinenhose, ansonsten war er nackt. Ich stellte fest, dass unter seiner rechten Achsel zwei dunkelrote Beulen saßen, die schon vereitert waren; die Geschwülste an der linken Seite befanden sich in einem früheren Stadium. Auch am Hals hatte sich ein halbes Dutzend der Auswüchse entwickelt, in unterschiedlichen Reifegraden. »Schmerzen die Bubonen sehr?«, fragte ich.
    »Nein.«
    Ich wusste, dass de Berka log, ließ es aber bei der Antwort bewenden. »Ich muss Euch die Leibwäsche abstreifen, um Eure Leisten untersuchen zu können. Bitte hebt das Becken.«
    »Nein.«
    »Nein? Ihr seid ein schlechter Patient.«
    »Alle Ärzte sind schlechte Patienten.« Trotz seiner Ablehnung tat de Berka, worum ich ihn gebeten hatte. Es kostete ihn große Anstrengung.
    Rasch streifte ich ihm die Hose herunter und untersuchte die Hautpartien um die Leisten. Sie waren ohne Makel. »Ein gutes Zeichen«, sagte ich zuversichtlich. »Die Pest hat noch nicht ganz von Eurem Körper Besitz ergriffen.«
    De Berka atmete schwer.
    »Ich werde sehen, was ich für Euch tun kann. Ihr habt doch sicher einen Behandlungsraum für Eure privaten Patienten. Finde ich dort Kräuter, Verbandsmaterial und Ähnliches?«
    »Im Raum mit den drei Fenstern, neben der großen Eingangshalle.«
    »Danke, ich bin gleich zurück. Schnapp wird Euch so lange Gesellschaft leisten.«
    Bevor ich ging, zog ich de Berka mit einiger Mühe wieder an und deckte ihn zu. Danach suchte ich den beschriebenen Raum auf und fand dort einen Schrank, in dem sich das meiste dessen, was ich brauchte, befand. Als ich zurückkam, lag de Berka noch da, wie ich ihn verlassen hatte, teilnahmslos an die Decke starrend. »Als Erstes werde ich Euch etwas Laudanum verabreichen.«
    »Ich sagte doch, ich habe keine Schmerzen.«
    »Und habt mich damit angelogen. Im Übrigen werdet Ihr gleich noch mehr Schmerzen verspüren, denn ich gedenke, Euch die Bubonen zu öffnen.«
    »Ihr seid halsstarrig.«
    »Und zielstrebig. Es ist Eure Schule, Herr Professor. Ihr habt mich gelehrt, immer zuerst das Wichtigste bei einer Behandlung vorzunehmen, und das Wichtigste ist, den Eiter und damit die kranken Säfte aus Eurem Körper zu entfernen.«
    »Und womit wollt Ihr das tun, mit Euren Fingern? Ich habe kein Skalpell, das weiß ich genau.«
    »Aber ich habe eins, mein eigenes.«
    »Ach ja, Ihr spracht davon. Schweine habt Ihr damit auf dem Bauernhof zerteilt. Dann könnt Ihr bei mir ja gleich weitermachen.«
    Ich verabreichte de Berka einen Löffel Laudanum und fragte: »Spricht aus Eurer Sicht etwas dagegen, wenn ich den Kreuzschnitt anwende?«
    »Nein, nein, nun macht schon.« De Berka schloss die Augen, kurz darauf entspannten sich seine Gesichtszüge. »Macht schon«, murmelte er noch einmal.
    Ich griff zum Skalpell – und legte es wieder beiseite. Es ist für jeden Arzt ein besonderer Augenblick, wenn er das erste Mal mit dem Messer in lebende Haut einschneidet. Mut und Selbstvertrauen gehören dazu, und von beidem hätte ich mehr gebraucht. Ich atmete tief durch, ergriff die Klinge zum zweiten Mal und machte meine erste Inzision. Ich schnitt so tief, wie ich glaubte, schneiden zu müssen, um den Eiter herauspressen zu

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