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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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Knacken, das in der Finsternis umso lauter klang, doch übertönt wurde von dem beständig lauten, unruhigen Atmen des Kranken. Ich versuchte zu schlafen, doch es gelang mir nicht. Immer wieder standen mir die Bilder des vergangenen Tages vor Augen.
    Ich vermute, es war gegen Mitternacht, als ich mich erhob, eine Kerze entzündete und de Berka ins Gesicht leuchtete. Er schwitzte wieder über die Maßen. Ich überlegte, ob ich ihm kalte Wadenwickel machen sollte, unterließ es jedoch. Er sollte weiterschlafen, das erschien mir wichtiger. Stattdessen tupfte ich ihm vorsichtig die Stirn ab. »Mehr können wir im Augenblick nicht tun, mein Großer«, sagte ich zu Schnapp, der wie immer an meiner Seite war, »wir legen uns wieder hin.«
    Abermals versuchte ich, Ruhe zu finden. Es gelang mir nicht. Ich fühlte mich elend und kraftlos. Die Gedanken kreisten in meinem Kopf. Ich fragte mich, warum ich das alles tat und ob es nicht zu viel für mich sei. Ich hatte mir die Pflege eines Pestkranken leichter vorgestellt. Dann schalt ich mich selbst und sagte mir, dass ich nichts anderes tat als das, was Hunderte, vielleicht Tausende von Ordensschwestern täglich im ganzen Land verrichteten: den Dienst an Siechen und Schwachen.
    Ich begann, am ganzen Körper zu zittern. Hat die Pest auch mich erwischt?, fragte ich mich voller Schrecken. Ist ihr tödlicher Arm so schnell? Hat mein letztes Stündlein geschlagen? Nein, nein, nein! Du bist nur erschöpft, das ist alles, beschwor ich mich. Du hast seit dem Morgen nichts gegessen. Versuche zu schlafen!
    Tatsächlich wurde ich ruhiger, doch der Schlaf floh mich noch immer. Ich stand auf und suchte die Bibliothek. Ich fand sie und nahm mit, was ich über die verfluchte Seuche finden konnte. Den Arm voller Bücher, kehrte ich zurück. Ich wusste zwar einiges über die Pest, denn sie gehörte zum täglichen Leben wie der Glaube, die Liebe oder der Hunger, aber ich wollte alles wissen. Ich wollte erkunden, wie es um den Feind, den ich bekämpfte, beschaffen war. Ich zwängte mich wieder zwischen die zwei Stühle und begann zu lesen, und was ich erfuhr, war von großer Vielfalt, besonders, was die Ursachen der Pest anbelangte.
    So hieß es in einem Werk, verantwortlich für den Ausbruch seien Himmelskonjunktionen. Damit waren Konstellationen gemeint, bei denen Planeten auf einer Linie stehen, etwa bei Neumond. Als Beispiel war die These des Guy de Chauliac angeführt, nach der die »Große Conjunction« der drei oberen Planeten Saturn, Jupiter und Mars, welche am vierundzwanzigsten März 1345 erfolgte, die Ursache der großen europäischen Seuche im Jahre 1348 gewesen sei. Guy de Chauliac, der Meisterarzt, war mir natürlich ein Begriff. Er galt als derjenige, der einst gesagt hatte: »Ein Chirurg, der seine Anatomie nicht kennt, ist wie ein Blinder, der an einem Holzklotz schnitzt.« Das gefiel mir. Weniger anfangen konnte ich mit seiner These. Wenn sie stimmte, musste bei jedem Neumond die Pest ausbrechen, und das war gewiss nicht der Fall.
    Zur Vorbeugung gegen die Pest fand ich ebenfalls einiges: So hieß es, man solle ebenerdige Räume nicht betreten, um dem Pesthauch aus Erdspalten zu entgehen. Wichtig sei auch das Unterbinden jeglicher körperlichen Anstrengungen, insbesondere der Fleischeslust, da sonst vermehrt miasmenreiche Luft eingeatmet werden könne. Ferner gelte es, auf jeden Fall die fünf »f« zu vermeiden:
fatigua, fames, fructus, femina, flatus …
also Ermüdung, Hunger, Früchte, Frauen und Blähungen. Nicht zu vergessen die wahlweise Einnahme von Theriak oder Mithridat. Wobei mit Letzterem ein Elektuarium gemeint sei, dessen Name auf den König Mithridates zurückgehe, der die Angewohnheit gehabt habe, ein solches einzunehmen, um sich gegen alle Vergiftungen und Krankheiten zu wappnen.
    Alles das konnte ich kaum ernst nehmen. Kopfschüttelnd las ich weiter. Bei den Therapeutika, die mich naturgemäß am meisten interessierten, fand ich folgende Hinweise: Ein unfehlbares Mittel gegen die Pestilenz sollte die Abkochung von Eisenhut sein. Allerdings müsse man bei der Applikation Vorsicht walten lassen, denn
aconitum,
wie die Wissenschaft den Eisenhut nenne, sei giftig. Probat seien schließlich auch das Ansetzen von Schröpfkugeln und harmonische Musik.
    Enttäuscht schlug ich das Buch zu. Zur Ursache und Vorbeugung hatte ich vieles, wenn auch Unsinniges, gefunden, zur Behandlung dagegen so gut wie nichts. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, meinem

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