Der Medicus von Heidelberg
Patienten durch Gift, Kugeln oder Klangtöne eine Linderung zu verschaffen. Zwar kannte ich meinen Homer und hatte gelesen, dass die Hellenen vor Troja die Pest mit Musik bekämpften und dass der listenreiche Odysseus die Blutung einer Verletzung mit Gesang stillte, aber das mochte eher Dichtung als Wahrheit sein. So bitter die Erkenntnis auch schien: Gegen die Pest war noch immer kein Kraut gewachsen. Ich musste allein mit ihr fertig werden – oder es mit dem vielbewunderten Galen halten, der zu Folgendem riet:
Cito longe fugas et tarde redeas,
was nichts anderes heißt, als dass man bei ihrem Ausbrechen flugs Reißaus nehmen und möglichst spät zurückkehren möge. Aber das kam für mich selbstverständlich nicht in Frage.
Über diesem Gedanken schlief ich endlich ein …
Mit der Dämmerung am anderen Morgen wurde ich wach. Ich wusste im ersten Augenblick nicht, wo ich war, und starrte verwundert auf das Bett mit dem Kranken darin. Dann kam schlagartig die Erinnerung. Ich sprang auf und schaute nach de Berkas Befinden. Gottlob, er lebte noch. In einem der Bücher vom gestrigen Abend hatte gestanden, der zweite Tag im Krankheitsverlauf sei der entscheidende. Überlebte der Patient ihn, überlebte er auch die Seuche. In einem anderen Werk war allerdings vom dritten Tag die Rede gewesen, in wieder einem anderen vom vierten Tag. Einerlei, de Berka lebte, das war für mich die Hauptsache.
Ich betrachtete sein Gesicht, das merkwürdig klein und fremd wirkte, denn ich hatte ihm gestern den Bart scheren müssen, um ihm die Bubonen am Hals aufschneiden zu können. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, die Jochbeine standen spitz hervor. Er verfiel zusehends. Sollte ich ihn wecken? Schnapp nahm mir die Antwort ab. Er winselte und strebte zur Tür. Kein Zweifel, er wollte sein Geschäft machen. »Gut, mein Großer, gehen wir«, sagte ich.
Wir traten vor die Tür des stattlichen Anwesens. Schnapp hatte es eilig, er verschwand in einem Gebüsch, wie er es von klein auf gewohnt war. Als er wieder hervorkam, erschienen gleichzeitig zwei Wachsoldaten, in ihrer Begleitung ein alter Mann mit Pestkappe, der einen Karren mit Leichen zog. »Was habt Ihr auf der Straße zu suchen?«, fuhr mich der erste Soldat an. »Wisst Ihr nicht, dass zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens eine Ausgangssperre besteht?«
»Nein, das wusste ich nicht«, antwortete ich wahrheitsgemäß.
»Wohnt Ihr hier?«, wollte der Zweite wissen.
»Nein … äh, ja.«
»Was denn nun, nein oder ja?«
»Ich wohne hier.« Vorübergehend wenigstens, ergänzte ich im Geiste.
»Nun gut.« Der Erste übernahm wieder das Verhör. »Wenn das Euer Haus ist, muss ich Euch fragen, ob sich Pesttote oder Pestkranke darin befinden. Wenn ja, würde Eustach sie mitnehmen.«
»Ja, das würde ich«, brummte der Alte.
»In jedem Fall bekämt Ihr das ›P‹ an die Tür. Gestern haben wir sämtliche Häuser östlich der Gera durchkämmt, heute ist die Westseite dran. Was ist nun, habt Ihr irgendwelche Tote oder Kranke zu beklagen?«
Bevor ich antworten konnte, fragte der Zweite: »Ist das Euer Hund? Hunde auf der Straße sind verboten, ebenso Katzen, Schweine, Ziegen, Hühner und anderes Getier. Sie können die Pest verbreiten, weil sie selbst dran krepieren. Jedenfalls sagt das der Stadtmedicus.«
»Ja, das ist mein Hund. Ja, im Haus befindet sich ein Kranker. Es handelt sich um Professor de Berka.« Ich versuchte, alle Fragen gleichzeitig zu beantworten.
»Aha, soso.« Der Erste kam sich sehr bedeutend vor. Während er mit ungelenker Hand ein riesiges P an die Eichentür malte, fragte er: »Wer kümmert sich um den Professor?«
Und der Zweite ergänzte: »Wenn sich keiner um ihn kümmert, besteht die Möglichkeit, ihn ins Hospital zu überführen. Die Krankenhäuser sind zwar voll, aber gegen einen kleinen Obolus …«
»Ich kümmere mich um den Professor«, unterbrach ich ihn. »Ich bin Magister der Künste und Studiosus
medicinae.
«
»Aha, soso. Nun, Herr Magister, ich darf Euch bitten, wieder ins Haus zu gehen«, sagte der Erste.
»Wir können keine Ausnahmen machen«, ergänzte der Zweite.
»Schon recht. Kann ich später auf den Markt gehen, um Dinge einzukaufen?«
»Aber ohne Hund«, sagte der Erste.
»Auf dem Benediktsplatz soll eingeschränkt ein Markt abgehalten werden«, ergänzte der Zweite.
»Aber nicht heute«, sagte der Erste. »Heute ist Sonntag.«
»Wenn Ihr in die Kirche gehen wollt, könnt Ihr gehen«, sagte der
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