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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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Hand …«
    »Das ist nicht nötig«, fiel ich der Meisterin ins Wort. »Odilie ist sehr geschickt im Verbinden.«
    »Dann ist es ja gut.« Ein wenig Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit. »Ich gehe dann.«
    Als sie fort war, fragte Odilie: »Ob das so weitergeht?«
    »So kann es nicht weitergehen«, sagte ich.
    »Das finde ich auch.«
    »Vielleicht sollten wir nach dem Mittagessen doch aufbrechen?«
    »Das sollten wir.«
    »Dann, meine Prinzessin, machen wir es so.«
     
    Am frühen Nachmittag schritten wir gemeinsam am Ufer der Elsenz entlang. Wir gingen Hand in Hand, während Schnapp fröhlich um uns herumsprang. Der Tag war schön, die Vögel zwitscherten, und wir waren verliebt. »Ich glaube, die Meisterin hat es uns sehr übelgenommen, dass wir nicht noch geblieben sind«, sagte Odilie, als wir die erste Rast machten und uns ins Gras am Wegrand legten. »Sie war wie eine Spinne, und wir waren in ihrem Netz.«
    »Nun, wir haben uns befreit.« Die Meisterin hatte in der Tat kaum etwas unversucht gelassen, um uns in ihrem Haus zu halten. Sie hatte uns zur Vernunft gemahnt, hatte ein paar Tränen verdrückt, hatte gebettelt und geschimpft und zuletzt sogar Ysengard und Hartmut aus der Werkstatt geholt, damit sie in ihrem Sinne sprachen. Doch beide hatten nur verlegen dagestanden und eilige Arbeit vorgeschützt, um wieder verschwinden zu können. Schließlich hatte sie von uns gelassen, als ich eine Notlüge erfand und ihr hoch und heilig versprach, Odilie und ich würden sie übers Jahr besuchen.
    »Vielleicht mit etwas Kleinem auf dem Arm?«, hatte sie begierig gefragt.
    »Ja, vielleicht«, hatte ich geantwortet, und Odilie war sanft errötet.
    Danach ließ sie uns endlich gehen.
    »Ich würde am liebsten für immer hier rasten.« Odilie seufzte. »Dieser Platz ist schön und ruhig. Komm, wir halten einfach die Zeit an.«
    Ich lachte, und mein Lachen muss wohl etwas gequält geklungen haben, denn Odilie fragte besorgt: »Hast du große Schmerzen?«
    »Ach, es ist nicht so schlimm.«
    »Wirklich nicht?« Ihre Augen, türkis wie ein Bergsee, schauten mich forschend an.
    »Mach dir keine Sorgen.« Die Finger schmerzten stark, sie waren geschwollen, und es pochte darin, aber ich wollte den Zauber des Augenblicks nicht zerstören. In zwei, drei Tagen würde die Wunde verheilt sein, sagte ich mir.
    »Dann ist es gut.« Sie schmiegte sich an mich und sagte nach einer Weile: »Ich glaube, Christoph ist hässlich.«
    »Welcher Christoph?«, fragte ich.
    »Junker Christoph, den ich heiraten soll.«
    »Wie kommst du denn darauf?«
    »Ich habe ein Medaillon.« Sie holte eine kleine Bildkapsel hervor, klappte sie auf und zeigte mir darin die Abbildung eines bartlosen, pausbäckigen jungen Mannes. »Vielleicht ist er in Wirklichkeit nicht ganz so dick. Was meinst du?«
    »Vielleicht.« Ich wollte hinzufügen, dass eine derartige Abbildung meistens Schönmalerei sei und Christoph folglich eher ein Fettkloß als ein Adonis, aber ich unterließ es. Odilie würde diesen Mann heiraten müssen, da wollte ich es ihr nicht doppelt schwermachen.
    »Du siehst viel besser aus.«
    »Ich? Du machst Scherze.« Ich hatte mein Spiegelbild nie für besonders ansprechend gehalten.
    »Du hast kluge Augen.« Sie küsste mich auf die Augen. Es war mehr ein Hauch als ein Kuss. »Und eine lange gerade Nase.« Sie küsste mich auf die Nasenspitze. »Und ein kräftiges Kinn.« Sie küsste mich aufs Kinn. »Nur deine Lippen sind ein bisschen schmal, aber dafür kommen meistens kluge Dinge darüber hervor. Rasieren müsstest du dich auch mal wieder, und deine braunen Haare sind etwas zu lang, sie gehen dir fast bis auf die Schulter. Sie sollten kürzer sein. Aber darunter hast du hübsche kleine Ohren. Ich habe sie mir angeguckt, als du schliefst.«
    »Ich wusste gar nicht, dass du mich so genau betrachtet hast. Ich dachte immer, Männer tun das nur bei Frauen?«
    »Du verstehst eben nichts von Frauen.«
    »Das wird es sein.«
    Wir aßen etwas von der mitgenommenen Wegzehrung und fielen bald darauf in einen leichten Schlummer. Als ich erwachte, war die Sonne schon ein gutes Stück weitergewandert. Wir standen auf, schüttelten den Staub aus den Kleidern und setzten unseren Weg fort, immer dem Flusslauf der Elsenz folgend. Ab und zu begegneten wir einem Angler, der seine Rute nach Rotaugen, Zandern oder Hechten ausgeworfen hatte. Auch das eine oder andere Mütterchen war unterwegs, auf der Suche nach den ersten Pilzen, und ein paar Tagelöhner, die

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