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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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verzweifelt.
    Ich schwieg.
    »Sag es!«
    »Dann … tritt der Tod ein.«
    »Nein!«
    »So weit ist es noch nicht.« Ich versuchte, sie zu beruhigen, obwohl mir selbst alles andere als ruhig zumute war. Es gelang mir nicht. Die Ausweglosigkeit meiner Lage stand mir ins Gesicht geschrieben. Ich schluckte schwer. »Vielleicht ist es besser, du brichst jetzt nach Heidelberg auf. Ich … ich bleibe hier.«
    »Das kommt überhaupt nicht in Frage!« Odilie war empört. »Du warst an meiner Seite, als ich krank war, und jetzt, wo du krank bist, ist es umgekehrt. Und außerdem« – sie errötete sanft – »und außerdem …«
    »Ja?«, fragte ich.
    »… liebe ich dich.«
    »Sag das noch einmal.«
    Sie wiederholte flüsternd die ewigen drei Worte, und es war mir, als sängen die Engel im Himmel hosianna. Alles um mich herum schien auf einmal vergessen. Leid, Schmerz, unsägliche Pein waren bedeutungslos, fast lächerlich geworden. Odilie hatte mir ihre Liebe gestanden, und das war mehr, viel mehr, als ich jemals erwarten durfte. Das gab mir Kraft und Zuversicht. Ich küsste sie auf den Mund und sagte: »Du weißt, ich liebe dich auch. Heute, morgen, mein ganzes Leben lang werde ich dich lieben. Das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist.«
    Sie begann vor Glück zu weinen, küsste mich ein ums andere Mal und hielt dann erschrocken inne. »Und was machen wir mit deinen Fingern? Du, ich weiß etwas: Ich werde nach Sinsheim zurücklaufen und die Meisterin holen. Sie wird wissen, was zu tun ist. Denk daran, auch mich hat sie geheilt.«
    Ich schüttelte den Kopf. »Das würde zu lange dauern. Glaube mir, ich spüre, dass nicht mehr viel Zeit ist. Wir müssen etwas tun, was jeder Bader täte, wenn ein Glied vom Wundbrand befallen ist.«
    »Du meinst …?«
    »Ja, das meine ich.«
    »Nein, das lasse ich nicht zu! Niemals!«
    »Es muss sein, meine Prinzessin.«
    »Was muss sein?« Die Firnhaberin stand in der Stalltür, die Arme in die Hüften gestemmt. »Ich sehe, ihr seid immer noch da. Der Hahn hat schon gekräht. Macht, dass ihr weiterkommt.«
    »Gemach«, sagte ich. »Wir wollen ja gehen, aber vorher habe ich eine Bitte an Euren Mann.«
    »An Guntram?« Die Frau spie die Worte förmlich aus. »Der hat mich schon vor einem Monat verlassen. Der Nichtsnutz jagte jeder Schürze nach, zog die Lust am Fleisch der Lust an der Arbeit vor. Und nun schert euch fort.«
    »Bitte lasst uns noch einen Augenblick bleiben!« Odilie rang die Hände. »Ihr seht doch, dass mein Mann krank ist.«
    Die Frau warf einen Blick auf meine Finger und pfiff durch die Zähne. »Bei Gott, das sieht nicht gut aus. Also, meinetwegen, ich bin kein Unmensch. Dein Mann kann sich noch ein wenig ausruhen. Aber nur so lange, bis du die Hühner gefüttert und die Eier aufgesammelt hast. Und wehe, es fehlt auch nur ein einziges Ei!«
    Sie winkte herrisch, damit Odilie ihr folge und die Futterkörner hole, und ehe ich mich’s versah, war ich allein.
    Ich wusste, dass ich die Zeit von Odilies Abwesenheit nutzen musste, um zu tun, was getan werden musste. Aber ich wünschte, sie wäre nicht gegangen. Ich hatte ihr angedeutet, dass es keine andere Möglichkeit gäbe, als die Finger abzutrennen, und ich war von der Richtigkeit meiner Meinung überzeugt. Sollte ich das Skalpell nehmen? Es war rasiermesserscharf, doch es würde mehrerer Schneidebewegungen bedürfen, die Finger zu entfernen. Nein, so ging es nicht. Die Qualen würde kein Mensch aushalten.
    Ich wunderte mich über mich selbst, mit welcher Distanz ich in der Lage war, über eine Maßnahme nachzudenken, die mich für immer zum Krüppel machen würde. Vielleicht habe ich das von Vater, dachte ich. Als es so weit war, hat auch er nicht gezögert und die lebensgefährliche Schnittentbindung an meiner Stiefmutter vorgenommen. Und sie ist geglückt …
    Ein Beil. Ein Beil oder eine Axt musste es sein. Ein Schlag damit würde genügen, und die Sache wäre erledigt. Aber danach?
    Ich schob den Gedanken beiseite. Grübeleien kosteten nur weitere Zeit, und Odilie würde gleich zurück sein. Ich erhob mich und verließ gebückt den Hühnerstall. Da der Bauer seine Frau verlassen hatte, konnte ich ihn nicht um ein Werkzeug bitten. Ich musste es selbst finden. Mein Blick fiel auf den Schuppen gegenüber. Vielleicht gab es dort, was ich suchte. Ich ging hinein und sah an einer Wand mehrere Geräte hängen. Sensen, Heugabeln, Rechen und ein Hackmesser, das bei der Hausschlachtung Verwendung finden mochte. Ich

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