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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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zwei gesunde Hände, und die hatte ich nicht.
    »Lass mich es versuchen«, sagte Odilie. Sie nahm mir die Klinge ab und stellte sich überraschend geschickt bei der Prozedur an.
    »Du darfst zuerst«, sagte ich.
    »Nein, du. Du brauchst Kraft, um gesund zu werden, und außerdem« – sie schloss die Augen und verzog das Gesicht zu einer reizenden Grimasse – »mag ich keine rohen Eier.«
    Also saugte ich das Ei aus, und wir teilten redlich, was die Meisterin uns mitgegeben hatte. Unterdessen war die Dunkelheit hereingebrochen. Die letzten Hühner kamen in den Stall und wollten auf der Schlafstange in unserer Ecke die Nacht verbringen. Wir mussten sie mehrmals verjagen, was stets ein großes Geflatter und Gezeter auslöste. Den Hahn jedoch schien das nichts anzugehen, er schielte uns nur mit schräg gelegtem Kopf an. Endlich kehrte Ruhe ein.
    »Gute Nacht«, sagte ich mit rauher Zärtlichkeit. »Du bist meine Prinzessin. Und du wirst es immer bleiben. Ganz gleich, was kommt.«
    »Und du bist mein Prinz«, flüsterte sie.
    »Aber ich heiße nicht Christoph«, sagte ich.
    »Gott sei Dank.« Sie kuschelte sich wie ein Kind in meine Armbeuge. Ihre Atemzüge wurden ruhiger. Nach wenigen Herzschlägen war sie eingeschlafen.
    Ich jedoch lag wach, denn der Schmerz wütete in meinen Fingern, in meiner Hand, in meinem ganzen Arm. Ich ahnte, es musste dringend etwas dagegen unternommen werden, aber ich wusste nicht, was. Ich hatte nur die Beinwellsalbe der Meisterin, und die würde mir so wenig helfen wie jede andere Arznei. Dessen war ich mir sicher. Aber was konnte ich tun?
    Ich versuchte, ruhig zu atmen, tief und ruhig, und mir selbst den Schlafbefehl zu geben. »Schlafe, Lukas, schlafe ein, schlafe jetzt, träume süß, schlafe, schlafe, schlafe …« Doch alles nützte nichts. Ich hatte das Gefühl, wacher zu werden. Ich begann, die
Summulae logicales
des Petrus Hispanus herunterzuleiern:
    »Jedes Lebewesen ist ein Wesen
    Jeder Mensch ist ein Lebewesen
    Also: Jeder Mensch ist ein Wesen.
     
    Kein Lebewesen ist ein Stein …«
    … und so weiter. Irgendwann hörte ich auf, denn der Schmerz raubte mir jede Konzentration. Ich dachte an Eugenius Röist, der so jammervoll im Spital am Barfüßerplatz in Basel gestorben war, an Schwester Edelgaard, die Gestrenge, an Gotthold Curtius, Freimut Walth, Cordt von Bechstein und all die anderen. Und ich dachte an meinen gütigen alten Lehrmeister Johann Heinrich Wentz und an Fischel Blau, meinen Freund, der sich Pisculus Caerulus nannte und der womöglich noch immer den Rhein hinabfuhr, um seinem toten Onkel irgendwo am Ufer die vorgeschriebene jüdische Beerdigungszeremonie zu ermöglichen.
    Dann überfiel mich wieder der Schmerz, und ich versuchte, ihm mit dem Wissen der alten Meister zu begegnen. Ich zitierte, was mir einfiel von Aristoteles, Galen, Thales von Milet, Pythagoras und Euklid. »Beim rechtwinkligen Dreieck gilt: Das Quadrat über einer Kathete ist flächengleich dem Rechteck aus der Hypotenuse und der Projektion der Kathete auf die Hypotenuse …«
    So verging die Nacht.
     
    Ich musste trotz allem gegen Morgen eingeschlafen sein, denn der gellende Schrei des Hahns, der nur zwei Schritte von mir entfernt krähte, schreckte mich auf. Ich wollte mich beim Aufstehen abstützen und nahm dazu die falsche Hand. Augenblicklich war sie wieder da, die gnadenlose Marter. Ich zog vor Schmerz die Luft durch die Zähne, und Odilie neben mir fragte besorgt: »Ist es nicht besser geworden?«
    Eher schlechter, wollte ich antworten, doch ich sagte: »Wir wollen einmal schauen, wie es unter dem Verband aussieht.«
    »Lass mich das machen«, sagte sie.
    Sie begann, die Kompresse zu lösen, und tat es mit leichter, geschickter Hand. Trotzdem trat mir vor Qual der Schweiß auf die Stirn.
    »Gleich ist es geschafft.«
    »Du machst das sehr gut, meine Prinzessin.«
    Als der Verband abgenommen war, kamen zwei Finger hervor, die beängstigend angeschwollen waren, rot glänzten und violette Wundränder aufwiesen. Sie wirkten abstoßend und fremdartig, und ich hatte das Gefühl, dass sie nicht mehr zu mir und meinem Körper gehörten. »Ich glaube, das Blut darin ist voller Gift«, sagte ich.
    Odilie riss die Augen auf. »Und was bedeutet das?«
    Ich zögerte. »Soviel ich weiß, breitet sich das vergiftete Blut nach allen Seiten aus.«
    »Kann man denn gar nichts dagegen unternehmen?«
    »Ich fürchte, nein.«
    »Und was passiert, wenn das ganze Blut vergiftet ist?« Odilie klang

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