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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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nahm es ab und wog es in der Linken. Wie sollte ich vorgehen? Wie konnte ich verhindern, auch die gesunden Finger mit abzuschlagen? Würde ich es überhaupt schaffen? Ich war Rechtshänder und musste den Schlag mit der Linken ausführen.
    Ich zwang mich zur Ruhe. Denk an Vater! Ich durfte keine Zeit mehr verlieren. Je länger ich zögerte, desto größer würde meine Angst werden. Wollte ich leben, ja oder nein?
    Ein Tisch stand da. Ich legte die Rechte darauf. Dann bog ich Daumen, Zeige- und Mittelfinger nach unten, so dass nur noch die beiden kranken Finger über der Kante lagen. Ich wog das Hackmesser in der Linken, legte es an, probte den Schlag. Probte noch einmal. Du darfst nicht länger warten! Schlag zu, schlag zu!
    Ich schlug zu.
    Und spürte nichts. Nur einen dumpfen Ruck. Doch dann kam der Schmerz. Überfallartig. Er presste mir die Luft aus den Lungen. Mein Atem ging stoßweise. Ich sank auf die Knie, schrie wie ein Tier, wollte stark sein, wollte um keinen Preis, dass Odilie mich so sah. Und doch war ich nicht mehr als ein wimmerndes Häufchen Mensch. Lieber Gott, nimm diesen Schmerz von mir!
    Ich lag zusammengekrümmt am Boden und sah alles wie durch einen Schleier. Odilie kam und rang die Hände. Hinter ihr die Firnhaberin. Schimpfend. Sie zogen an mir, zerrten mich nach draußen. Schnapp sprang um sie herum, bellte, schnupperte an mir. Sie zerrten weiter, über mir die Sonne, Odilies Kopf. Beschwichtigende Worte. Ein Lager. Sie schoben und hoben mich darauf. Verbandszeug, weißes Leinen, Scharpies. Wo war Schnapp? Schnapp war doch eben noch da gewesen! Mach dir keine Sorgen, Odilie. Odilie. Liebste Odilie. Es geht mir gut …
    Eine gnädige Ohnmacht umfing mich.
     
    Als ich erwachte, fühlte ich mich so schwach wie ein neugeborenes Kind. So schwach, dass mir sogar das Sprechen schwerfiel.
    »Lukas, hörst du mich? Lukas, bist du wach? Bitte, sag etwas!«
    »O… Odilie.«
    »Ja, ich bin es. Du wirst wieder gesund! Ach, es war so schrecklich. Ich hatte so große Angst um dich, aber nun wird alles wieder gut.«
    »Was … was ist passiert?«
    »Weißt du das denn nicht mehr? Deine Finger. Du hast sie dir selbst abgeschlagen.«
    Ich hob die Hand und sah nicht mehr als einen dicken Verband. Dann fiel mir alles wieder ein. Abermals blickte ich auf die verbundene Hand. Der Schmerz, diese gnadenlose Bestie, hatte sich zurückgezogen. Ich schloss die Augen.
    Odilie legte mir die Hand auf die Stirn und sagte: »Dem Herrgott sei Dank, das Fieber ist fort. Ich habe nicht mehr daran geglaubt, aber nun ist es fort. Die Meisterin hat recht behalten.«
    »Die Meisterin?« Ich verstand nicht. Wenn ich mich richtig besann, befanden wir uns im Haus der Firnhaberin in Bammental.
    »Ich habe sie geholt. Noch am selben Tag bin ich zurückgelaufen nach Sinsheim. Sie hat dich behandelt, fast eine Woche lang.«
    »Eine Woche lang?«
    »Ja, du hattest hohes Fieber. Fast wärest du daran verbrannt. Die Meisterin hat dir die Wunden vernäht und auch sonst alles unternommen, um dich gesund zu machen. Wir beide haben uns mit den kalten Wickeln abgelöst, um das Fieber zu senken. Wir haben Weidenrindentrank aufgegossen und die Verbände gewechselt und dir kräftige Brühe eingeflößt. Du hast von alledem nichts gemerkt. Immer wieder haben wir dich angesprochen, aber du warst in einem anderen Land. Du warst« – Odilie traten die Tränen in die Augen – »wie eine leere Hülle. Du warst nicht mehr der Lukas, den ich kannte. Ich glaube, der Tod hatte dich schon halb geholt. Aber die Meisterin hat dich festgehalten. Und ich. Ich habe dich auch festgehalten. Oh, wie habe ich mir gewünscht, dass du wieder gesund wirst. Und nun bist du es!«
    Odilie weinte laut vor Erleichterung, und ich kam mir, nicht nur aufgrund meines Zustandes, ziemlich hilflos vor. »Weine doch nicht. Ich fühle mich prächtig«, schwindelte ich. »Wo ist denn die Meisterin?«
    »Sie ist kurz vor Mittag gegangen, damit sie noch am Abend in Sinsheim ist. Sie sagte, sie könne ihre Männer nicht länger allein lassen. Männer seien so hilflos. Wenn sie nichts zu essen bekämen, würden sie verhungern. Dann hat sie mir einen langen Vortrag gehalten, welche Kost den Männern am besten bekommt. Na, du kennst sie ja.«
    »Und die Firnhaberin?«
    »Ist eine hartherzige Frau. Ich musste ihr dein ganzes Geld geben, sonst hätten wir nicht bleiben dürfen. Auch so hat sie keine Gelegenheit ausgelassen, um zu betonen, wie mitfühlend sie sei, weil sie die alte

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