Der Menschensammler - Dicte Svendsen ermittelt Kriminalroman
sollte man da tun, sie war ja erst achtzehn und wusste es noch nicht besser. Sie wollte so gern bei dieser Zeitarbeitsfirma als Sekretärin anfangen, war aber leider komplett ungeeignet.
Das Mädchen schwatzte unaufhörlich weiter über ihre eigene Vortrefflichkeit, das allerdings beherrschte sie ausgezeichnet. Sie war auch gut darin, Forderungen zu stellen, und präsentierte äußerst präzise ihre Vorstellungen über Gehalt und Sondervergütungen.
Kikis Blick wanderte zum Telefon. Sie hatte den ganzen Tag |198| schon Lust gehabt anzurufen, sich aber bisher beherrschen können. Zuerst musste in ihrem Kopf wieder Ordnung herrschen und auch in ihrem Körper.
»Ich bin wahnsinnig gut darin, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen«, prahlte das Mädchen vor ihr.
Kiki schauderte es bei dem Gedanken, dass ihre Kinder auch eines Tages so verwöhnt und selbstverliebt durch die Welt stolzieren würden, wie es nur jemand tun konnte, der nie an seinen Fähigkeiten zweifeln musste. Kinder, die immer zu hören bekommen hatten, dass sie die Weltmeister waren, weil man, der modernen Pädagogik folgend, weder die Entwicklung des Kindes bremsen noch Niederlagen zulassen sollte. Darum aber, so lautete ihr Urteil, lief da draußen in der Gesellschaft ein Haufen von kleinen, sich selbst überschätzenden Individuen herum, die durch den Zustand auf dem Arbeitsmarkt auch noch Bestätigung erfuhren. Es war unglaublich schwer, überhaupt gutes Personal zu finden.
Sie seufzte, als ihr Blick erneut aufs Telefon fiel. Natürlich war es tausendmal besser, als das Gegenteil erfahren zu haben. Eine Kindheit, in der man unablässig zu hören bekam, wie wertlos man war. Aber nur ein kleines bisschen Widerstand würde vielleicht ganz andere Potentiale freisetzen.
Sie beendete das Bewerbungsgespräch und schickte das Mädchen mit dem Versprechen nach Hause, dass sie sich melden würde, wenn sie eine Entscheidung getroffen hätte. Allerdings stand die schon längst fest. Sie würde lieber die Flinte ins Korn werfen und ihre Firma schließen, als einen Haufen gehirnamputierter Blondinen aus der dänischen »Wir-können-alle-etwas-zur-Gesellschaft-Beitragen«-Kindergartenkultur in ihrem Namen auf den Markt loszulassen. Wann würden sich die Politiker endlich dazu entschließen, qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland aufzunehmen? Okay, es würde dauern, bis sie die Sprache beherrschten. Aber sie würde hundertmal lieber einen ehrgeizigen, hart arbeitenden und gut ausgebildeten Polen oder Pakistani zur Verfügung haben.
|199| Sie hatte die Zeitarbeitsfirma eigenhändig aufgebaut und bis zu fünfzehn Stunden am Tag dafür geschuftet. Was war mit dem Pioniergeist in der dänischen Gesellschaft geschehen? Wo waren der Enthusiasmus und die Freude darüber geblieben, etwas aus eigener Kraft ins Leben zu rufen? Was hatte das alles noch für einen Wert, wenn man eigentlich nur die Hand ausstrecken und sich vom Staat versorgen lassen musste?
Sie holte tief Luft. Das Bewerbungsgespräch hatte sie ins Schwitzen gebracht. Oder gab es dafür auch noch einen anderen Grund?
Sie nahm ihre Handtasche und schloss sich in der Toilette ein. Dann betrachtete sie ihr Spiegelbild. Sie hatte Schweißperlen auf der Oberlippe, und ihre Augen glänzten. Ihr ganzer Körper pulsierte. Sie wusste diese eindeutigen Entzugserscheinungen zu interpretieren, tastete nach ihrem Handy und rief ihn an. Aber er ging nicht ran, darum hinterließ sie die Nachricht, dass sie vorbeikommen würde, wissend, dass sie damit eine Strafe riskierte. Zusätzlich schickte sie ihm auch eine SMS.
Sie ging auf die Toilette und erfrischte sich unter dem laufenden Wasserhahn, ohne dabei ihr Make-up zu ruinieren. Wenn es doch nur die Peitsche, der Schmerz und die Ekstase waren, die sie vermisste. Aber es hatte sich etwas anderes schleichend hinzugesellt. Sie hatte keine Chance gehabt, es zu unterdrücken, bevor es zu spät war. Gefühle.
Sie schnitt ihrem Spiegelbild eine Grimasse. Sie hasste Gefühle, die der Vernunft oder eben einem guten Fick im Weg standen. Auf Gefühle konnte man sich nicht verlassen. Sie waren im höchsten Maße verdächtig und konnten mit Leichtigkeit eine Situation aus den Angeln heben.
Dann zog sie die Lippen nach und rieb sie aufeinander, um die Farbe besser zu verteilen. Dabei betrachtete sie in einem fort ihr trauriges Spiegelbild. Das würde schiefgehen. Es musste so was von schiefgehen, und doch zappelte sie hilflos im Netz und konnte sich nicht
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