Der Menschensammler - Dicte Svendsen ermittelt Kriminalroman
in dem Verhalten des nächsten, nur in einer anderen Tonart. Opfer und Täter hingen auf diese Weise untrennbar zusammen. Und wenn es ihnen nicht gelang, einen Verdächtigen auszumachen und ihm Informationen abzuringen, waren sie gezwungen, sich das Opfer erneut anzusehen und es zum Sprechen zu bringen. Und das, obwohl Mette Mortensen tot war und schon lange die Fähigkeit, zu sprechen, verloren hatte.
Aber ihr malträtierter toter Körper konnte noch sprechen, genauso wie das Glasauge, das sie in ihrem Mund gefunden hatten. |193| Nicht zu vergessen die Route, die sie am besagten Samstagabend zurückgelegt hatte, vom Café in die Diskothek und dann in die irische Kneipe. Trotzdem fehlte noch so vieles, sie benötigten noch einen Berg an Informationen über dieses Opfer. Aber die würden sie hoffentlich erhalten, wenn sie begannen, sich ernsthaft mit ihrem engeren Umfeld zu beschäftigen, vor allem mit Mette Mortensens Familie. Ein Mord war wie ein Stein, den man ins Wasser warf. Es bildeten sich Ringe, die immer weitere Kreise zogen und immer mehr Menschen mit einbezogen. Früher oder später würde etwas oder jemand auftauchen.
Er sah auf die Uhr. Es war nach vier. Kurz überlegte er, wo sich Dicte Svendsen wohl gerade befand und wie sehr sie in diesen Fall involviert war. Aber dann begaben sich seine Gedanken auf Abwege und verschmolzen miteinander wie die Ringe im Wasser, die sich kräuselten und dann im Nichts verschwanden. Er schloss die Augen und schlief ein, mit Bach in den Ohren und Salamigeschmack auf der Zunge.
»… und dann sind die bei der Geburt dabei und nehmen das Blut gleich ab, noch bevor der Mutterkuchen rauskommt. Das verspricht das beste Ergebnis.«
Wagner stieß die Tür auf und sah, wie Jan Hansen gerade mit Genuss in ein Blätterteigtörtchen aus einer aufgerissenen Tüte mit Leckereien biss, die wohl jemand für die Morgenbesprechung gespendet hatte.
»Die geben einem zwanzig Jahre Garantie, so lange bleibt das Nabelschnurblut des Kindes tiefgefroren, auch wenn die Firma bankrottgehen sollte. Und die sind von der Ärztekammer anerkannt mit allen Zertifikaten und Drum und Dran.«
Die letzten Worte hatten beinahe trotzig geklungen, und er hatte dabei Ivar K angesehen, der nicht im Geringsten überzeugt wirkte.
»Hast du auch das Kleingedruckte gelesen? Über den Preis zum Beispiel? Was kostet der Spaß denn?«
Wagner fiel wieder ein, dass Hansen am Abend zuvor zu einem |194| Informationsabend der Stammzellenbank gehen wollte, bei der sie erwogen, das Nabelschnurblut ihres vierten Kindes zu konservieren.
Hansen murmelte eine undeutliche Antwort. Wenig feinfühlig wiederholte Ivar K seine Frage.
»Hallo! Was das KOSTET?«
Die Frage wurde von Zeichensprache begleitet, wobei Ivar K die Finger der rechten Hand aneinanderrieb. Wagner entschied, die Unterhaltung an dieser Stelle zu unterbrechen.
»Das Glasauge. Gibt es Neuigkeiten? Und wer kann bei diesem Kamm von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nachfragen, wo die Unterlagen von Mette Mortensen bleiben. Der hat uns doch jetzt schon lange genug hingehalten!«
Seine Stimme klang aufgeräumter und frischer, als er sich nach dieser schlaflosen Nacht fühlte. Hansen und Ivar K gaben ihr Gespräch über Stammzellen und Nabelschnüre auf, Petersen blätterte in seinen Unterlagen, und Eriksen schluckte den letzten Bissen seiner Schokoladenschnecke hinunter und räusperte sich.
»Das ist eine richtige Kunst. Es gibt Menschen, die Glasaugen benötigen, und jene, die sie auf Bestellung anfertigen und sie passend zur Farbe des intakten Auges färben«, erläuterte Eriksen.
»Und?«
Wagner hätte ihn eigentlich nicht fragen müssen, aber wenn Eriksen ein bisschen unter Druck geriet, kam er schneller zum Punkt.
»Krankenhäuser haben ab und zu Bedarf, wenn sie einem Patienten ein Auge entfernen müssen. Oder wenn die Hornhäute entfernt werden. Wenn einem Toten ein Auge herausgenommen wird, füllt man den Hohlraum in der Regel erst mit Gaze, bevor das Glasauge eingesetzt wird.
»Faszinierend!«, kommentierte Ivar K mit beißender Ironie.
Wagner bedachte ihn mit einem nicht sonderlich freundlichen Blick. Eriksen warf einen Blick auf seine Notizen.
|195| »Leichenbestatter verwenden ebenfalls Glasaugen, wenn eine Leiche besonders entstellt ist. Oder wenn der Tote in einem der selteneren Fällen einbalsamiert werden soll. Das nennt man übrigens Okularist.«
»Wie heißt das?«, fragte Hansen.
»Okularist«, wiederholte Eriksen. »So
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