Der Menschensammler - Dicte Svendsen ermittelt Kriminalroman
befreien.
»Dann soll es halt schiefgehen!«
|200| Auch das richtete sie an ihr Gegenstück im Spiegel. Doch dessen Gesichtsausdruck sah darum kaum fröhlicher aus.
Das Treppenhaus lag in tiefe Schatten gehüllt, als sie sich in das Haus in der Jægersgårdsgade schlich.
Eine Weile stand sie am Eingang und tastete nach dem Lichtschalter, aber es ging nicht an. Plötzlich legte sich ein Arm um ihren Hals, sie wollte schreien, aber eine Hand hielt bereits ihren Mund zu. Schnaufend holte sie Luft durch die Nase und hatte das Gefühl zu ersticken.
»Du spielst mit dem Feuer.«
Sie wand sich in seinen Armen.
»Ich habe dir eine Nachricht auf dem AB hinterlassen«, nuschelte sie in seine Handfläche.
»Du sollst dich von hier fernhalten. Du bist in schlechte Gesellschaft geraten. Das weißt du, oder nicht?«
Sie wollte nicken, konnte aber nicht. Er hielt ihren Kopf fest, als wäre er an seinem Arm festgeklebt. Panik überfiel sie und mischte sich mit dem erregenden Gefühl, dass alles möglich war.
»Aber du hast es doch nicht getan, oder? … Aber du weißt etwas. Du warst auch da, am Stadion. Du warst auch dort.«
Sie flüsterte diese Worte in seine Finger, das Treppenhaus war menschenleer und feucht und kalt.
»Ich war da«, antwortete er. »Natürlich war ich da.«
Er warf sie sich über die Schulter, wie Cowboys ihre gefesselten Kälber transportierten, und sie ließ ihn gewähren. Er öffnete die Tür zu seinem geheimen Raum, und sie unterwarf sich ihm ein weiteres Mal, während alle Bedenken über die Gefährlichkeit der Situation in reine Lust verwandelt wurden.
Hinterher hätte sie den genauen Ablauf nicht rekonstruieren können, so gefangen war sie gewesen in der roten Welle aus Schmerz.
»Du bist sonderbar. Ich habe noch nie zuvor so eine Frau wie dich getroffen.«
Er entfernte die Lederriemen und Ketten, mit denen sie an |201| die Bettpfosten gefesselt gewesen war. Dann setzte er sich neben sie und betrachtete sie. Seine Lust hatte sich in etwas verwandelt, was sie nicht verstehen und eigentlich auch nicht sehen wollte.
Er streckte eine Hand aus und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er könnte mich hier und jetzt einfach töten, schoss es ihr durch den Kopf. In diesem schallisolierten Raum im Herzen der Wohnung könnte er ihr das antun, was mit der anderen Frau geschehen war.
Sie sah ihm in die Augen.
»Erzähl mir von ihr.«
Er schüttelte den Kopf.
»Du glaubst, dass ich es getan habe.«
»Du hast gesagt, dass du da warst.«
Lange erwiderte er kein Wort, sondern starrte sie nur an. Es gab so vieles an ihm, was sie nicht verstand, und vielleicht fühlte sie sich gerade zu Menschen hingezogen, die sie nicht verstand, weil sie sich selbst nicht verstand. In dem Moment, in dem alles verständlich und klar wird, ist die Spannung verloren.
»Ich habe sie nicht getötet, das habe ich doch schon gesagt.«
»Hast du das?«
Er legte sich neben sie. Langsam folgte er mit den Fingerspitzen den Striemen der Peitsche, während er ganz vorsichtig ihre Brustwarzen leckte, die schmerzten und noch blutig waren von den Klemmen. Seine Zunge war sanft und behutsam. Die Hand war warm, und sie schmiegte sich, ohne nachzudenken, an ihn, während er sie zudeckte. So schliefen sie nebeneinander ein.
Als sie aufwachte, wusste sie zuerst nicht, wo sie war. Sie musste sich erst aus einem unergründlich tiefen Meer an die Oberfläche kämpfen. Er hielt sie noch immer im Arm. Sie wollte die Zärtlichkeit nicht, die sie in seinen Augen entdeckte, und schon gar nicht die, die sie selbst empfand. Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf. Sie musste fort von ihm. Er war gefährlich für |202| sie, und zwar ganz anders, als sie es sich hätte vorstellen können.
Sie wand sich aus seiner Umarmung.
»Ich hab was für dich«, sagte er. »Es ist ein Päckchen, und du musst es an einem sicheren Ort verstecken.«
»Ich will kein Päckchen von dir.«
Er setzte sich auf. Plötzlich war sein Blick wieder hart und verschlossen.
»Das ist keine Bitte, sondern ein Befehl.«
Sie zögerte. Er stand auf und kam mit einem wattierten Umschlag zurück, den er aufs Bett legte. Sie wollte ihn nicht berühren, aber sie konnte erkennen, dass er schwer war.
»Und was ist das?«
Er schüttelte den Kopf.
»Hast du einen Safe? Einen sicheren, mit Code und allem Drum und Dran?«
Sie nickte.
»Bewahr ihn dort auf. Du darfst ihn nur öffnen, wenn ich eines Tages weg sein sollte. Bis dahin lässt du ihn einfach dort
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